Szene 2

21. Aug 2008 at 20:38 (A Hartz IV Lovestory) (, , )

Ich arbeitete in einem Großraumbüro mit Millionen anderer Kollegen. Wir hatten alle einen eigenen Schreibtisch und einen eigenen Computer. Nur das Telefon mussten wir uns teilen. Es hängt vorne am Eingang während mein Tisch in der dreiundfünfzigtausendzwohundertsiebten Reihe ziemlich weit hinten stand. Ich brauchte den Großteil des Vormittags, um meinen Arbeitsplatz zu erreichen. Auf meinem Weg dorthin sah ich viel wundersames, aber ich nahm es nicht war, da ich es vorzog, mich von der angenehmen Stumpfheit des Fernsehprogramms hypnotisieren zu lassen, das auf meiner japanischen Armbanduhr angezeigt wurde. Die Anzeige war so klein, und die Technik so schlecht, das nur ein Teil des tatsächlichen Fernsehbildes angezeigt werden konnte, anstatt das Bild zu skalieren. Leider wurde hierfür die rechte obere Ecke gewählt, so dass ich nur das Senderlogo begutachten konnte, das aber auf der Wegstrecke, die ich zurückzulegen hatte, mehrfach die Hintergrundfarbe wechselte.

Wenn ich doch einmal meinen Blick von meiner Uhr lösen konnte, sah ich in die Reihen meiner Kollegen, die alle augenscheinlich kein Problem mit einfahrtsblockierenden Galaxien gehabt hatten. Sie saßen, den Kopf vornübergebeugt an ihren Schreibtischen, in der typischen Pose von Arbeitern, deren Chef nicht zu gegen war. Sie waren hilflos, wussten nicht, was zu tun war, und ließen ihren Tränen der Verzweiflung freien Lauf. Die Schreibtische boten hierfür einen speziellen Tränenkanal an, der dafür sorgte, dass Verträge, Urkunden und Bescheinigungen nicht an der salzigen Flüssigkeit Schaden nehmen. Es kam eine Menge des Drüsensafts zusammen, so viel, dass ich befürchtete, in den nächsten Tagen wieder Hochwassermeldungen im Radio hören zu müssen.

Ich erreichte meinen Platz und überlegte, ob ich in das allgemeine Wehklagen miteinstimmen sollte. Ich verspürte nicht die rechte Lust, und beschloss, stattdessen eine Affäre mit einer der Dame aus der Telefonabteilung anzufangen. Die Telefonabteilung war zwei Stockwerke tiefer, und da der Weg zurück zu den Aufzügen doch sehr erheblich war, schob ich meinen Stuhl beiseite und öffnete die Feuerwehrluke. Feuerwehrluken gab es an jedem Platz in jedem Stockwerk. Sie waren dafür da, dass im Brandfalle eine Legion Feuerwehrmänner an mit Hubschraubern getragenen silbernen Metallstangen tief ins Gebäude, und in ihren feurigen Tod rutschen konnten, wie Feuerwehrmänner das eben zu tun pflegten.

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Löwenzahn

21. Aug 2008 at 20:34 (Artikel für dicke Menschen) (, )

Auch ein Held wie ich muss zugeben: Tief in meinem Herzen bin ich ein Weichei. Von meinem stählern trainierten Herzmuskel umschlossen glibbert die flüssige Essenz meines Selbst und sorgt dafür, dass ich ab und an dem Klang eines Vögleins, wie der Amsel, dem Zaunkönig oder des Rotbauchwiedehopfes lausche, ich zarte Pflänzlein bewundere, die sich durch den Asphalt bohren (und dabei die Titelmelodie von Löwenzahn summe), oder ich gedankenverloren Wolkenformationen nachblicke, die wattige Städte am Firmament sein könnten.

Und das, obwohl mein normales Habitat eher die geschwärzten Mauern brennender Gebäude ist, aus denen ich jungfräuliche Damen mit schmachtendem Blick rette. Das ist die reine Wahrheit.

Und nun zu etwas völlig anderen: Der zweite Teil meiner Hartz IV Lovestory.

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