Szene 3

24. Aug 2008 at 22:11 (A Hartz IV Lovestory) (, , )

Das Stockwerk, in das ich gelangte, war das Toiletten-Stockwerk. Man hatte aus Effizienzgründen beim Bau des Gebäudes die benötigte Anzahl an Toilettenschüsseln und Urinalen alle in einer riesigen Halle aufgestellt, und in die Mitte einen zwanzig Meter hohen Springbrunnen gebaut, der auch als Bidet verwendet werden konnte. Die Halle war weiß-blau gefliest im Stile alter römischer Bäder oder neuer Römerbadimitate, und wurde von von der Firma selbst genetisch designten Troglodyten mit grünschuppiger Haut und Schürzen saubergehalten, deren Odem reinster WC-Reiniger war. Die Trogs, wie sie abfällig genannt wurden, hielten sich meist im Hintergrund, wenn man am Geschäft war, und verwendeten ihre Peitsche nur, wenn man das Urinal verfehlte oder vergaß, die Klobürste zu verwenden, und es wirklich nötig gewesen wäre.
Ich war allerdings nicht zum Ausscheiden herabgestiegen, und so öffnete ich zugleich die Luke unter mir um das Stockwerk der Telefonabteilung zu betreten.

Die Telefonabteilung lag im ewigen Dämmerlicht, und bevor sich meine visuelle Wahrnehmung darauf eingestellt hatte, hörte ich schon die Stimmen und dazwischen das Rascheln und Kratzen, das man aus allen Telefonabteilungen dieser Welt kennt: Damenbärte. Teilweise nur Stoppeln, teilweise meterlang schlängelten sie sich durch den Raum. Sie wucherten in der dschungelartigen Atmosphäre prächtig. Die Telefondamen der Telefonabteilungen ließen sich die Bärte wachsen, um mit ihnen problemlos die Sprechmuscheln ihrer Telefone reinigen zu können. Es war ein stündliches Ritual, das von der Betriebsärztin vorgeschrieben war, um die Ansteckungsgefahr durch Überseegespräche zu verringern.

Ich beschaute die Damen der Abteilung, was durch die schlechte Beleuchtung nicht eben erleichtert wurde. Ich musste einige Barten beiseite schieben, verhedderte mich in Telefonstrippen und musste blitzschnell Billigvorwahlen tippenden Fingern ausweichen. Doch endlich fand ich sie: Sie hatte ein zartes Stimmchen, das gerade auf serbo-kroatisch oder womöglich einem Banto-Dialekt defekte Rollo-Rückschnapp-Federn zu beanstanden hatte. Sie entsprach, zumindest im Zwielicht und bis auf das zarte Bärtchen in ihrem Gesicht, dem Unterwäsche-Modell, das ich gefaltet in meinem Geldbeutel mit mir trug, und als meine Freundin ausgab.

Ich begann mit Konversation, sobald sie ihr Gespräch beendet hatte, denn das Wechseln von Worten ist Bestandteil jeder guten Affäre. Ich hatte etwas Mundlähmung, was vom eingeschränkten Gebrauch meiner Sprechwerkzeuge an diesem Morgen herrührte. Deshalb lies ich, Lässigkeit ausstrahlend an ihren Schreibtisch gelehnt, erst meinen Unterkiefer etwas kreisen, um wohlgeformte Worte ausstoßen zu können. Als ich mich in der Lage sah, einen ersten Vorstoß zu wagen, formulierte ich wundersame Wortkreationen und verkettete sie zu Sätzen, um sie zugleich auszusprechen. Sie schien von Inhalt und Form meiner Bemerkung angetan und antwortete in perlender Prosa, die ich begierig in mich aufnahm. So ging es hin und her bis zu diesem einen tragischen Augenblick, der alles zerstörte: Die Essenssirenen begannen zu heulen, es war Mittagsstunde.

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