Szene 4
Ein Aufschrecken durchfuhr meine Glieder und somit auch mich. Zwei Stockwerke weiter oben würden sich nun die Spritzen mit Nährflüssigkeit an Roboterarmen aus der Decke senken, und Schweinebraten mit Sauerkraut und Kartoffelbrei in die Venen der anwesenden Kollegen drücken. Mein Verdauungsorgan, jahrelang auf den lieblichen Sirenenklang konditioniert begann sogleich Magensäure in erhöhter Menge zu produzieren, um die erwarteten Nährstoffe feinsäuberlich in ihre Bestandteile zu zersetzen. Es brodelte in mir, und es gab nur eine Möglichkeit, die drohende Selbstverdauung abzuwenden: Die Kantine.
Ich hetzte sofort los, meine begonnene Affäre vergessend, ja, jede Erinnerung daran bereits in meinem Magensaft zersetzend, auf den Aufzug zuzustürmen. Ich musste eine Weile stürmen, denn auch in diesem Stockwerk war der Lift unerfreulich weit von meinem Standpunkt entfernt errichtet worden. Es sollte mir aber gelingen ihn nicht nur zu erreichen, sondern gar ihn zu betreten.
Das Betreten dieses speziellen Exemplars eines Aufzugs war nicht allzu einfach. Die verrottenden Leichen der Aufzugputzkolonne erschwerten den Einstieg erheblich. Sie waren bei einer Fahrt aus dem obersten Stockwerk ums Leben gekommen, und niemand fühlte sich verantwortlich, sie wegzuschaffen. Ihr Geruch raubte mir den Atem, aber mir blieb keine Wahl, den nächsten Aufzug würde ich nicht mehr erreichen. Der unterste Knopf der Aufzugskontrollen war mit einem „K“ markiert und einem Totenkopf hinterlegt. „K“ nicht für Kantine oder Keller. Das K stand für Katakomben.
Der Aufzug setzte sich in Bewegung, er fuhr erst langsam, dann schneller, dann ziemlich schnell und schließlich verdammt schnell. Für Fahrten nach unten verwendete unser Aufzugssystem die sogenannte Freifalltechnik, die für die optimale Fahrzeit sorgte. Ein Druck auf einen Etagen-Knopf bewirkte zuerst, dass sich die Aufzugstür schloss, dann, dass sich unterhalb des gewünschten Stockwerkes Stahlträger in den Aufzugsschacht schoben, und schließlich das Ausklinken des Aufzugs aus der Verankerung. Für das Stockwerk K entfiel der mittlere Schritt, da es das unterste mit dem Aufzug erreichbare Stockwerk war. Für Fahrten nach oben wurden die Aufzugskabinen von Mietsklaven gezogen.
Die Ankunft in den Katakomben war erfahrungsgemäß etwas ruppig. Der Aufzug entschleunigte in dem er auf dem Boden aufprallte, was die üblichen unangenehmen Folgen hatte. Da ein derartiger Aufprall leicht tödlich enden konnte, trug ich, wie in der Firma vorgeschrieben, aufprallabfedernde Einlagen in den Schuhen. Die muffelnden Mitpassagiere aber augenscheinlich nicht, denn sie wurden hoch in die Luft geschleudert, prallten auf die Decke und fielen wieder hinab, direkt auf mich.
Ich befreite mich aus Knochen und Knorpeln und spuckte die modrigen Muskelmassen und verwesenden Membranen wieder aus, die sich in meinem vor Entsetzen leider geöffnet gewesenem Mund verfangen hatten, und betrat die Katakomben.
Ein breiter Gang verlief quer zur Aufzugspforte. Knochen und Knorpel waren auch hier omnipräsent. Die Wände bestanden aus übereinandergestapelten Reihen von Schädeln, und waren durchsetzt mit Oberschenkelknochen, so dass ein hübsches Fachwerkmuster entstand. Das „Wir bauen auf Sie“ in den Mitarbeiteransprachen unserer Chefs war in unserer Firma durchaus wörtlich gemeint. Human Resources waren das Fundament unseres Betriebes.
Im gekachelten Boden, der so gar nicht zu den knöchernen Wänden passen wollte, war ein schmaler Kanal eingelassen, der eine träge fließende rote Flüssigkeit transportierte. Dreißig Jahre altes Neonlicht beleuchtete die Szenerie. Ich hatte den Aufzug, aus dem ich getreten war zum ersten Mal verwendet, aber wusste, dass ich einfach den Kanälen folgen musste, um zu meinem Ziel zu gelangen. Ein gellender Todesschrei bestätigte bald meine Richtung. Der Schrei ging in ein Kreischen über, das erst lauter, dann aber doch wieder leiser wurde und schließlich verstummte. Ich musste mehrfach abbiegen, durch Schwingtüren und unter Plastikvorhängen hindurchtreten, bis ich auf eine große Doppeltür traf, über der in blutroten Buchstaben stand: Kantine