A story in white
Der Prozess des Schreibens ist vielschichtig und wenig begreiflich. Er funktioniert ungefähr so:
Richter: Vor uns tritt heute dieses zellulöse weiße Rechteck, blütenzart anzuschauen, und 80 Gramm pro Quadratmeter schwer. Was wird ihm vorgeworfen?
Anklage: Als Vertreter der Anklage beschuldige ich dieses weiße Blatt Papier, noch nicht in Druckerschwärze oder Graphitstaub gesuhlt zu sein, seine Reinheit und Weißheit schamlos zur Schau zu stellen, und dadurch die Frechheit zu besitzen, den Akt des Beschriebenwerdens aktiv durch Demotivation der kreativen Seele des Darniederlegenden zu sabotieren.
Richter: Die Riposte der Verteidigung, wenn ich bitten darf.
Verteidigung: Verehrtes Gericht, in aller Entschiedenheit möchte ich den Vorwürfen meines Vorredners entgegentreten. Ein blütenweißes Blatt Papier ist in den allermeisten Fällen einem beschriebenen vorzuziehen. Wie oft mussten schon eines Lesenden Augen Anhäufungen von Buchstaben in sich aufnehmen, die der Verarbeitung durch den Denkapparat nicht wert sind. Wortverschmutzung ist das kulturelle Grundübel dieser Welt, und wir sollten meinem Klienten Dank zollen, sich der Beschriebenheit so entschieden entgegen zu stellen.
Richter: Viel Wahrheit tropfte von den Lippen beider Plädoyanten in den Raum, sammelte sich durch die besondere Raumgeometrie in der sonnenbestrahlten Ecke neben meinem Richterpult, wo sie zu Ziegeln der Wirklichkeit verbacken wird. Das nur nebenbei.
Besonders der Aussage der Verteidigung um der Nichtigkeit vielen Druckwerks vermag ich mich anzuschließen. Dennoch: Die Existenz eines unbeschriebenen Blattes Papier als Endprodukt spottet Sinn und Verstand. Seine Befüllung scheint mir die Grundvoraussetzung seines Seins zu sein, und ich befehlige deswegen die selbige.
Ankläger, sie beginnen.
Anklage: „Es war einmal…“
Richter: Kommt da noch mehr? Was war einmal?
Anklage: Details überlasse ich der Verteidigung.
Richter: Schwach, sehr schwach. Mit diesem klischeehaften Anfang spielen sie der Verteidigung doch direkt in die Arme. Wir streichen den Satz aus dem Protokoll. Verteidiger, sie beginnen.
Verteidigung: Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Mir will keine annehmbare Eröffnung einfallen. Ich würde sie allerdings mit einem Wort beginnen, das mit „A“ anfängt, das ist sehr symbolisch.
Anklage: „Afterklee!“
Richter: Afterklee? Was soll das denn sein?
Anklage: Das ist eine Kleesorte, deren Blätter wie kleine Arschbacken aussehen. Sehr selten.
Richter: Das haben sie sich doch aus den Fingern gesogen. Haben sie einen ganzen Satz?
Anklage: „Afterklee spross.“ Über den Tempus lasse ich mit mir verhandeln.
Richter: Billig, billig.
Anklage: Erste Sätze sind schwierig, vor allem dann, wenn man das Ziel noch gar nicht kennt.
Richter: Da mögen sie recht haben. Verteidigung, definieren sie das Ziel.
Verteidigung: „Glücklich verbrannten sie Linz.“
Richter: Was? Das ist doch kein Thema.
Verteidigung: Wer hat etwas von Thema gesagt? Ich habe den letzten Satz vorgegeben, das Ziel des Textes. Und bemerken sie was? Er endet mit „Z“. Das ist wieder sehr symbolisch.
Richter: Und wie kommt man von sprießendem Klee zu brennenden Städten? Ich sehe schon, ich muss das in die Hand nehmen. Das Thema ist „Der Gewichtsverlust der Welt“.
Anklage: Das ist ja doof.
Verteidigung: Sogar dämlich. Was soll das denn bedeuten?
Richter: Die These ist, dass Leute allenthalben immer fetter werden, sich ausdehnen und selbst zu kleinen Erdtrabanten werden. Irgendwo muss die Masse ja herkommen, die die Menschheit expandiert, und sie kann ja nur dem Planeten selbst entnommen werden. Darüber sollten wir fabulieren.
Verteidigung: Also wirklich, da mach ich nicht mit.
Anklage: Ich auch nicht, ich gehe heim.
Richter: Na gut, na gut. Da sind sie nochmal davon gekommen, Angeklagter. Aber freuen sie sich nicht zu früh. Wir werden ihnen ihre Weißheit schon noch austreiben. Wir vertagen das ganze auf morgen.
Und so wiederholt sich das Ganze, Tag für Tag.