Turaluraluralu

20. Okt 2008 at 21:38 (Artikel für dicke Menschen) (, , , )

Um dem politischen Diskurs folgen zu können, ist eine umfassende politische Bildung unabdingbar. Im Folgenden sollen einige wesentliche politische Realitäten aufgedeckt, und dem Leser näher gebracht werden.

Der Kokosminister war ein einsamer Mann. Das bringt die Macht so mit sich. Eigentlich hieß sein Amtsbereich „Kokosangelegenheiten, weitere übergroße Nüsse und Palmenfrüchte“, aber er wurde nur nach der ersten Zuständigkeit benannt. Seit Jahren schon versuchte der Kokosminister, die Verantwortung für Paranussfragen übertragen zu bekommen, da diese ja auch eine ordentliche Größe besitzt, doch der Landwirtschaftsminister weigerte sich bislang, Kompetenzen abzugeben. Dabei müsste er mit Haselnüssen, Erdnüssen, Walnüssen, Cashew-Kernen und Pinienkernen doch eigentlich ausreichend zu tun haben. Das bedrückte den Kokosminister ein wenig, aber er versuchte, sich das nicht anmerken zu lassen.

Genausowenig wie den Schmerz, den er empfand, wenn das Volk über den Kokosminister lachte. Denn er hatte eine seltsame Art zu niesen. Während alle anderen Minister im Fernsehen immer „Haaa-Tschi“ machten, machte der Kokosminister „Hy-Aaa-Zinth“. Er wusste selber nicht warum, aber es war sein Markenzeichen. Er hatte es sogar für fünfhundert Euro eintragen lassen.

Der Kokosminister träumte oft von Tuvalu. In Tuvalu ist das Kokosministerium das wichtigste aller Ministerien, und bei allen Bürgern angesehen, und sein Minister darf wichtige Reden halten, wie zum Beispiel an Neujahr, oder bei Hochwasser. Bei der Konferenz der Kokosminister weltweit, versuchten die westlichen Kokosminister alle, sich mit dem tuvaluanischen Kokosminister fotografieren zu lassen, der unglaublich dick war. Auch der Kokosminister hatte so ein Bild, auf dem er ganz klein neben seinem gigantischen Kollegen zu sehen war. Immer wenn er das Bild betrachtete, sang er leise „Turaluraluralu“, aber ersetzte das „r“ durch ein „v“. Er sang auch immer nur den Refrain, denn er kannte die Strophen nicht.

Der Kokosminister arbeitete einsam in seinem kleinen Ministerium am Rande des großen Regierungsbezirks, das nicht einmal ausgeschildert war. Es bestand auch nur aus einem Raum, in dem der Kokosminister seinen Schreibtisch stehen hatte, und zudem zwei weitere Schreibtische standen, für Frau Notstrom, seine Sekretärin und für den Unterstaatssekretär Bombuzal, der für „Bandenkriminalität in Umspannwerken“ zuständig war, und damit eigentlich ins Innenministerium gehörte. Da dort aber kein Platz mehr war, hatte man ihn ins Kokosministerium deportiert. Der Kokosminister akzeptierte das, fand es aber schade, das der Unterstaatsekretär so von seinen Unterstaatssekretärsfreunden im Innenministerium abgeschnitten war.

Als Kokosminister ist man Kabinettsmitglied. Leider sind im Kanzleramt immer zu wenig Stühle, so dass der Kokosminister noch nie eine Kabinettsitzung mitmachen konnte, denn Stühle werden nach der Wichtigkeit der Minister verteilt. Er bekam auch schon keine Einladungen mehr, was ihn sehr betrübte. Man hatte ihm eine Blechdose an die Wand genagelt, die mit einer Schnur zu einer Gegenblechdose im Kabinettsaal des Kanzleramtes verbunden war, und über die Inhalte der Kabinettsitzungen mitbekommen sollte, aber niemand im Kabinett machte sich die Mühe, in die Dose zu sprechen. Einmal hatte der Kokosminister vorsichtig „Hallo?“ in die Dose gerufen, da hatte der Finanzminister ihn danach aber zusammengestaucht, meine Herrn!

Die Politik geht ihren Gang, mal werden die einen gewählt, dann wieder abgewählt, dann sind die anderen dran, und dann vielleicht sogar mal die dritten. Nachdem gewählt wurde, wird immer heftig über die Ministerposten gestritten, nur wird meist das Kokosministerium vergessen. Wenn eine Regierung geht, und die Minister kollektiv den Schlüssel abgeben, ist es fast sicher, dass niemand im Kokosministerium angerufen hat, und den Minister nach seinem Schlüssel gefragt hat. Deswegen bleibt der Kokosminister immer der gleiche. Die meisten Regierungen bemerken das zusätzliche Ministerium meist erst nach ein paar Jahren. Es belastet den Haushalt auch kaum, denn es hat seit 1976 einen festen Etat von 970 D-Mark. Die meiste Zeit verbringt der Kokosminister damit, jemanden zu finden, der ihm die D-Mark-Scheine in Euro wechselt. Das ist gar nicht so einfach.

So administriert der Kokosminister schon seit Jahren zuverlässig unsere Kokosangelegenheiten. Wenig Dank hat in all der Zeit seinen Weg zu ihm gefunden. Das sollte sich ändern.

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