Summer is gone
Es hätte ein stiller Samstag werden sollen, etwas Einkaufen, ein Spaziergang im Sonnenschein, das war der Plan. Kein spektakulärer Plan, zugegeben, nicht mal ein mittelguter, aber immerhin ein leicht umsetzbarer.
Die Umsetzung gelang, ich hatte eingekauft, und spazierte gerade zurück in Richtung meines Domizils, den späten Nachmittag in meinem Rücken, da platze eine Haustür nicht fern von mir auf und ein kleiner Mann raste hinaus. Sein Gesicht leuchtete rot, Tränen schienen ihm hemmungslos über die Wangen zu rennen. Er rannte auf die Straße, blickte etwas wirr um sich, entschied sich für eine Richtung und spurtete davon. Etwas überrascht schaute ich ihm nach.
Ich ging weiter, und erst nach einer Weile bemerkte ich, das sich die Straße langsam füllte. Bald musste ich Menschengruppen ausweichen, die auf den Bürgersteigen standen und miteinander redeten und tuschelten. Dann zeigte jemand nach oben, und es begann.
Marschflugkörper zogen durch den abendrot gefärbten Himmel, längst vergessen und abgeschaltet geglaubte Luftalarmsirenen ließen ihr einfallsloses Lied ertönen, das niemand mitsingen wollte.
„Was ist denn los?“ fragte eine Frau mit wirren Haaren einen Mann ohne Haare. „Der Sommer ist vorbei,“ sagte er. Recht hatte er.
Unruhe hastete durch die Gassen. Ihre Auswirkung war sehr verschieden. Manche Menschen rannten, ob ziellos oder planvoll, vermochte ich nicht zu sagen. Andere standen wie angewurzelt und starrten in den Himmel. Einige schnatterten wild darauf los, was das denn soll, wer denn so was macht, und wieso gerade hier. Die meisten waren aber still, und konzentrierten sich darauf, das zu Sehende zu verarbeiten. Auch ich überlegte eine Weile, und entschied mich dafür, den nahen Hügel zu besteigen, um einen besseren Überblick zu gewinnen.
Einige Leute hatten wohl die gleiche Idee, die Brüstung auf der Hügelkuppe, die die Menschen vor der Gravitation schützte, hatte schon alle Hände voll zu tun. Ich fand ein Plätzchen und ließ meinen Blick in die Ebene schweifen. Rot lag sie vor uns, die letzten Lichtausspeiungen der Sonne ließen die Fenster blitzen und die Seen funkeln. Die Sirenen erreichten uns auch hier, ihr verzweifeltes Heulen erfüllte die Ebene und brandete gegen unsere erhabene Position. Das Kreischen der Raketen mischte sich darunter, die wie Schwärme von Zugvögeln über die Himmel kreuzten, ihre Kondensstreifen verwoben sich zu feuchtem Stoff am Firmament.
Niemand sprach. Eine seltsame Spannung lag in der Luft und knisterte zwischen uns Beobachtern. Die Gewissheit, gerade an einem Wende- oder vielleicht Endpunkt seiner Existenz angekommen zu sein, zeichnete seltsame Züge auf die Gesichter um mich. Die Karten werden neu gemischt, diese Melange aus Erwartung und Furcht strömte aus allen Poren.
Es schien Ewigkeiten nichts zu passieren. Wahrscheinlich lebe ich in einem zu uninteressanten Teil des Landes, dachte ich, wir sind nur der Transitbereich. Zielgebiet müsste man sein, kam mir in den Sinn, da bildete sich eine erste Wolke am Horizont. Ein leichtes Beben rollte den Hügel hinauf und wieder hinab, brachte das Geländer zum Vibrieren, dann hörten wir den Donnerknall, der klang wie ein schmerzgeladenes Ächzen der Erde.
Weitere Wolken bildeten sich im Minutentakt, das Geländer kam aus dem Vibrieren nicht heraus. Mal nah mal fern schlug es ein, wie das explosive Paukenspiel eines unkoordinierten Schlagzeugers, der sein mangelndes Rhythmusgefühl durch Lautstärke auszugleichen versucht.
Als eine Explosion das Gebiet erschütterte, an dem ich meinen Arbeitsplatz vermutete, verspürte ich eine klammheimliche Freude. Montag hatte ich wohl frei. Das hatte trotz der Ereignisse um mich etwas beruhigendes.
Die Sonne war endgültig im Atlantik verdampft, das dunkle Weltall zeigte sein nukleares Feuerwerk, wie jede Nacht als Kontrastprogramm. Sterne starben dort oben, Menschen hier unten. Immer noch war die Ebene in Rot getaucht, nur diesmal war es das Feuer der unzähligen Brände, die sie überzogen. Ich konnte die hilflosen Rettungskräfte von hier nicht sehen, die mit Rauch in den Lungen und Verzweiflung in den Herzen vor herkulianischen Aufgabe standen, zu retten, was zu retten war.
Die Detonationen hatten aufgehört, trotz der weiterheulenden Sirenen schien es unheimlich ruhig. Die Landschaft vor uns hatte sich verändert, neue Krater waren entstanden, der Schutt bildete rauchende Hügelketten. Eine neue Welt, die es zu entdecken galt.
Ein seltsamer Tag, dachte ich. Es wurde kalt, ich zog meinen Mantel enger um mich und wartete auf den Morgen.