I see a darkness

31. Okt 2008 at 00:34 (Artikel für dicke Menschen) (, , , , )

Ich war ein Pfeffersteak im Personenfernverkehr. So mein Eindruck. Ich sehe mich selten als Pfeffersteak, sondern gewöhnlich eher als Jägerschnitzel oder Hühnerfrikassee. Ein Pfeffersteak zwischen all den Schweinelendchen und Kalbsnüsschen, Koteletts und Hackbraten. Wir waren ein Fleischtransport auf dem Weg nach Süden.

Mein Herz war unruhig. Ich glaubte den schlechten Zustand der Gleisanlagen dafür verantwortlich machen zu können, musste aber bald feststellen, das auch bei ruhiger Fahrt ein beständig rastloses Pochen durch mich pulsierte.

Ich stand auf, meinen mühsam erkämpften Platz anderen Fleischklumpen überlassend, und trottete den Gang entlang. Dunkelheit wirbelte hinter den Scheiben und versteckte die Landschaft. Gespräche wirbelten vor den Scheiben, Belanglosigkeiten wurden ausgetauscht, zwischenfleischlich kommuniziert.

Wagen folgte auf Wagen, überall klebten die gleichen Fleischprodukte in ihren Sitzen, der Zug war ein Kunstdarm, auf dessen Ende ich zusteuerte. Ich öffnete eine weitere Zwischentür und fand Dunkelheit. Die Stromversorgung musste ausgefallen sein. Vielleicht hatte auch jemand vergessen, weitere Wagen anzukoppeln. So etwas kommt vor. Hunderte von Menschen fallen jedes Jahr aus nicht korrekt terminierten Zügen und zerschellen auf Gleisen. Die Bahn verschweigt das, um den Börsengang nicht zu gefährden.

Ich schritt in die Dunkelheit.

Ich zerschmetterte nicht auf den Schienen. Für einen kurzen Moment war ich enttäuscht. Meine Füße schritten einen teppichbepelzten Gang entlang, Sitze links von mir, Sitze rechts von mir. Menschen saßen dort. Sie waren nicht zu sehen, nicht zu hören oder riechen, dennoch war ihre Existenz zu fühlen. Ich erspürte einen leeren Platz und setzte mich und ließ die Schwärze in all meine Sinnesorgane fließen. Sie war zäh und dickflüssig, und verstopfte die Stäbchen in meinen Augen, die Härchen in meinen Ohren und die Zellen in meiner Nase.

Ich weiß nicht, wie lange ich da saß. Die ganze Zeit fühlte ich mich wie schmelzende Götterspeise im Sonnenlicht auf einem windumtobten Berggipfel. In schwarzem Sonnenlicht.

Meine Gedanken wurden immer mehr zu Schleim, trieften den von der Schwerkraft vorgegebenen Weg meinen Körper hinab und sammelten sich in meinen Schuhen. Bevor ich mich vollständig aufgelöst hatte, weckte mich eine Ticketknipse. Wir waren irgendwo angekommen.

Gedankensuppe schwappte ein wenig in meinen Latschen, als ich den Zug verließ.

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