I’m not worried at all

29. Nov 2008 at 02:24 (Artikel für dicke Menschen) (, , , , )

Es ist soweit: Endlich wieder Spargelzeit! Die vorwitzigen kleinen Köpfe junger Spargelblumen bohren sich durch den Asphalt der Großstädte, um, wie es aller Kreaturen innigster Wunsch ist, aufzusteigen, und Teil des Himmels zu werden. Zu Tausenden lassen sie die dicken Asphaltplatten der Autobahnen bersten, heben die Bodenkacheln und Kopfsteine auf den Plazas und Foren der Städte an, und durchstechen die kiesbestreuten Wege alter Herrschaften in abgesperrten Privatparks, aber durchaus auch die von Kommunen leidlich gepflegten Pfade öffentlicher Anlagen.

Die Städte und Gemeinden senden jetzt wieder ihre Spargelbrigaden aus, Hundertschaften tapferer Frauen und Männer, die, die Sturmsense im Anschlag, sich der Invasion entgegenstellen und unter den Spargeln unblutige Ernte halten.

Denn es ist bittere Notwendigkeit (aber auch die Aussicht auf schmackhaftes Gemüse auf den Tellern aller magentragenden und spargelschlürfenden Geschöpfe) den Spargel in seinen Anfangsstadien zu köpfen. Das rasante Wachstum der Pflanze sorgt dafür, das unbeaufsichtigt wachsende Asparagen binnen weniger Tage Turmeshöhe erreichen, denen auch unter Einsatz von Motorsägen kaum noch Herr zu werden ist. Es erfordert dann schon den Import mythischer chinesischer Kämpfer und Mönche aus dem tiefen Himalaya, die mittels komplizierter Hieb- und Stichtechniken die Spargelstatik derart zu modifizieren in der Lage sind, dass das Gewächs unter dem eigenen Gewicht zusammenbricht.

Doch in unbewohnten Gegenden kommt es dann und wann vor, dass Spargel auch die Turmesgröße hinter sich lassen, und zu gigantischen Säulen heranwachsen, die sich weit in die Atmosphäre bohren. Oft wird man in den fernen Städten erst dann darauf aufmerksam, wenn sie Mittagssonne eines Tages von einem mächtigen Schatten am Bestrahlen der Glas- und Beton-Fassaden gehindert wird.

Mannigfaltige Gefahren drohen: Kollisionen von Flugzeugen sind noch das kleinste Übel. Wird ein Spargel in sich instabil und bricht an der Basis zusammen, schlägt er tiefe Kerben in die Kontinentalplatten, bringt diese teilweise zum Bersten und erzeugt so auf Jahre hinweg Erdbeben und Vulkanausbrüche. Ein weiteres, noch größeres Problem ist die Möglichkeit der Verschiebung der Erdachse. Irgendwann bringt ein Riesenspargel die Erdachse zum Wanken und Taumeln, bis sie sich schließlich so verschiebt, dass der der Pflanzenturm der Nabel ist, um den sich alles dreht. Kalte Zeiten brechen für die Nation an, die es versäumt hat, dem Wachstum rechtzeitig Einhalt zu gebieten!

Doch die schlimmste Gefahr droht von außerhalb der Erde. Ein mehrere tausend Kilometer langer Spargel wird von weitem gerne für einen Penis gehalten. Für brünftige Kleinplanetinnen wäre das das Zeichen zum forschen Angriff, und wie besinnungslos würden sie auf die arme Erde zustürzen, die sich dem Strudel der lüsternen Planetoiden kaum entziehen werden kann und unter ihrem Bombardement öde und leer verenden würde.

Wir wollen alle hoffen, das uns diese Horrorszenarien erspart bleiben werden, oder erst dann eintreten, wenn wir schon wohlbehalten verrottet sind und künftige Generationen den Salat haben.

Stattdessen sollten wir uns alle den Latz vor den Bauch spannen und selbigen mit Spargelleichen füllen, zum Wohle unserer Mägen und dem der ganzen Menschheit. Guten Appetit.

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Fruit Fly

25. Nov 2008 at 00:01 (Artikel für dicke Menschen) (, , , )

Ich bin kein Märchenprinz. Ich gebe nicht einmal einen sonderlich guten Frosch ab. Das liegt an meiner schwachen Backenmuskulatur.

Ich sehe mich eher als ein fast ausgebranntes Glühwürmchen. Etwas glimmt da hinten noch, aber viel ist das nicht. Und es sind nicht die Reste einer radioaktiven Blähung. Ich bilde mir ein, es hätte mal heller geleuchtet, aber meine Erinnerungen lügen wahrscheinlich, wie so oft.

Ich glühwurme einfach so herum, vergeblich auf der Suche nach einer Ersatzbirne. Und werde wahrscheinlich irgendwann von Fröschen gefressen, und glimme dann in ihren Mägen langsam aus. Irgendwie traurig.

Sogar in meinen Träumen komme ich nicht gut weg. Sieht man mal von den vollkommen wirren Phantasie-Gespinsten ab, die ich an dieser Stelle ab und an schildere. Normalerweise bewege ich mich in meinen Träumen in Zeitlupe durch die Welt. Es fühlt sich an, als ob ich bis zum Hals in Wasser stünde, und eine starke Strömung mich fast an der Stelle hält. Nur mit äußerster Anstrengung kämpfe ich mich Stück für Stück vorwärts. Wohin ich eigentlich will bekomme ich nicht mit, denn ich bewege mich so unendlich langsam, das ich schon wieder aufgewacht bin, bevor ich nur einen geträumten Meter weitergekommen bin.

Manchmal sehe ich mich in meinen Träumen auch als Superheld. Also nur als so ein kleiner Superheld in einer Supertruppe Superhelden. Wir retten ständig die Welt, weil so wahnsinnig viele Superhelden auch irrsinnig viele Superbösewichte bedingen. Das sind oft auch nur traurige Gestalten, wie “Die rote Majo”, die alle Majonaise-Vorräte einer MacDonalds-Filiale in Ketchup verwandeln kann. Ein typischer Klasse C Bösewicht.

Ich selber erträume mich leider nicht viel besser. Mein Super-Alter-Ego heißt “Emo Boy”, eine in kiloweise schwarze Umhänge gepackte Gestalt, deren Superkraft darin besteht, allen so lange ins Ohr zu heulen, bis keinen Bock mehr haben, zu machen, was auch immer sie machen wollten, oder so lange “The Cure”-Songs schlecht nachzusingen, bis die umgebenen Trommelfelle Selbstmord begehen. Deswegen werde ich auch meistens in der Superzentrale zurückgelassen, wo ich dann eigentlich nur Super-”Tic Tac Toe” gegen den Supercomputer spiele, und meistens gewinne, weil auch der Supercomputer mein Supergeheule nicht hören mag. Frustrierend.

Ich tagträume dann auch in meinen Träumen, und versuche zu ergründen, was dem Mann aus Stahl wohl nachts so durch die Gedanken fleucht. Wahrscheinlich auch nur feuchte Träume von Lois Lane oder Wonderwoman. Superenttäuschend, aber Superman ist halt auch nur so ein flacher Typ wie wir alle.

Oder ich gucke mit dem Superteleskop zu, wie „Lightning Rod“, der Boss unserer Superhelden-Zelle, gerade irgendwelche Mitläufer mit den Blitzstahlen, die aus seinem Penis schließen grillt. Albern, aber effektiv.

Kein Wunder, dass ich mich nach einer durchträumten Nacht nicht wirklich fit für den Tag fühle. Ich schätze ich sollte mehr Baldrian schlucken.

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Transfatty Acid

19. Nov 2008 at 00:06 (Artikel für dicke Menschen) (, , , , )

Das Folgende geschah zu später Stunde an einem Tag spät im Jahr in einer ungewöhnlich verspäteten Bahn: Jugendliche Alkoholiker, die nach getaner Suchtbefriedigung auf dem Weg nach Hause oder dem, was sie in ihren vernebelten Hirnen für den Heimweg hielten, waren, verzierten die Straßenbahn mit Zwischenprodukten ihrer Verdauungstrakte. Ein alles in allem übliches Vorkommnis in urbanen Gegenden.

Die Bahn war die letzte ihrer Art für den schon abgelaufenen Tag, die nächste würde erst viele Stunden in der ungewissen Zukunft abfahren. So blieb den Mitreisenden, die dem Alkohol nicht zugesprochen hatten nichts anderes, als auf den Sitzen zu verharren, die Füße über die sich ausbreitenden bräunlichen Seenlandschaften zu halten und sich glücklich zu schätzen, wenn man gerade unter einem kräftigen Schnupfen litt.

Die Fahrt war eine lange, denn das Land ist groß und seine Menschen haben sich in den Kopf gesetzt, an weit auseinander liegenden Flecken zu leben. Die Produktion an Körpersäften  hielt unvermindert an, denn die Jugend hatte große Mengen an Hochprozentigem in ihren coolen Parkas gebunkert, die besonders beschissen zu ihren Haarmähnen passten, die wie Bausünden aus den 60ern und 70ern weithin Stirnrunzeln auslösten, und auf denen Baseball-Kappen nur lagen, weil es sich als unmöglich erwiesen hätte sie wieder zu entfernen, hätten sie sie vorschriftsmäßig auf ihre Köpfe gedrückt, da sie dann in dem Haar und Gel-Morast für immer verbacken gewesen wären.

Wir durchfuhren ein wenig beleuchtetes Gebiet, ein von der Natur zurückerkämpftes oder vom Menschen als zu irrelevant empfundenes Areal, ein Loch in der Zivilisation, als es passierte: Es ruckte, es funkte, ein Kreischen von Metall auf Metall war zu hören, dann standen wir. Das Meer an Körperlichkeit, dass durch den Innenraum der Bahn schwappte, und sie an ein leckes Unterseeboot erinnern ließ, hatte den kompletten Unterbau des Fahrzeugs weggefressen.

Das hatte zumindest den Vorteil, dass die Schweinerei langsam aber sicher in dem nun ersichtlich werdenden Kiesbett versickerte. Irritation herrschte, zog sich wie eine tiefhängende Wolkenfront durch den Wagen und versperrte klugen Gedanken die Sicht. Um Abhilfe zu schaffen, zog ich an einem Notausstieg-Hämmerchen, um mich ans Demolieren der Inneneinrichtung des Fahrzeugs zu machen. Das schien mir zu diesem Zeitpunkt eine gute Idee. Sie scheiterte allein daran, dass ich nicht in der Lage war, die Sicherung des Hämmerchens zu entfernen, so dass man mich beim wild Auf- und Abhüpfen, Zerren und Zetern hätte beobachten können, wären die besagten Wolken nicht gewesen. Ich trat die Tür also einfach so ein, und trat ins Freie.

Da standen wir nun, wir Spätheimkehrer, denen der Akt des Spätheimkehrens verwehrt wurde, im Freien vor einer Fahrzeugruine. Es war die Kälte, die uns erzittern ließ, doch auch die Schreie der Antilopen, das Jaulen der Nilpferde und das irre Gackern der Zikaden trugen ihren Teil bei. Kein Licht erhellte unsere Umgebung und wir stellten uns tödliche Abhänge, unergründliche Sümpfe und weiche Landschaften aus Daunenkissen vor, die sich unbemerkt um uns erstreckten. Niemand traute sich, den ersten Schritt zu tun, aus Angst, seine Daunenallergie könnte ausbrechen.

Schließlich kamen wir auf die rettende Idee, einen Alkoholiker anzuzünden. Die gelgetränkten Haare brannten wie Zunder, und verbreiteten einen angenehmen Karamellgeruch, so dass wir gleich noch einen weiteren entflammten. Mit ihnen als Vorhut kämpften wir uns durch die Unwirtlichkeiten, die uns die Natur zu dieser nachtschlafenden Zeit entgegenwarf. Wir kamen vorbei an großen Bäumen, an kleinen Bäumen und an eher mittelgroßen Bäumen. Endlich, unser letzter Alkoholiker war fast schon niedergebrannt sahen wir sie dann, die rettenden Lichter der Zivilisation. Glücklich, auch diese Episode in unseren belanglosen Leben überlebt zu haben, bestellten wir ein Taxi und fuhren nach Hause.

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In The Cold I’m Standing

16. Nov 2008 at 03:20 (Artikel für dicke Menschen) (, , , )

Meine Hose lief mir eines Morgens davon. Warum sie das tat ist mir unbegreiflich, habe ich sie meines Wissens doch immer sorgsam behandelt, sie nie zu heiß gewaschen, und durch meinen kaum vorhandenen Bauch auch nicht zu sehr beansprucht. Vielleicht fühlte sie sich zu eng umgürtet, vielleicht zwickte sie mein Schlüsselbund, oder mein mittelformatiger Geldbeutel drückte an ihren Bünden, die die Nervenfäden einer jeden Hose sind.

Es ist mir nun nicht mehr möglich den Grund zu ermitteln, denn sie ist fort, wahrscheinlich für alle Zeit. Schöne Tage haben wir miteinander verbracht, breitbeinig durchschritten wir die Straßen der Stadt, saßen an warmen Sommerabenden auf schattigem Gemäuer und genossen die sanften Luftbewegungen, die uns streichelten, hetzten durch Regenschauer und übersprangen Pfützen in der irrigen Annahme, unsere Eile würde die Menge an Feuchtigkeit mindern, die wir aufzunehmen hatten. Wir trotzten den Stürmen des Herbstes, dessen unerschöpflicher Atem den Sommer und fast auch uns aus dem Land blies, und wir zitterten und wanden uns in den eisigen Klauen des lebenskraftstehlenden Frosts, der, dem Lauf der Welt gehorchend, folgte.

Schamvoll gehe ich dieser Tage durch mein Leben, meine Blöße ist nur allzu offenbar, und auch der Mantel, den ich trage, vermag sie nicht gänzlich zu verbergen. Ich spiele mit dem Gedanken einer Neuanschaffung, doch ein derartiger Schritt will wohl überlegt sein. Es würde die endgültige Trennung von meinem bis vor kurzem so treu ergebenen Beinkleide sein, ein Ereignis, das ich tief in mir immer noch zu verhindern hoffe.

Eines weiteren Morgens finde ich mich auf einem Feld, das vor kurzem noch mit modrigem Mais bestanden war, dessen zerhackte und abgestorbene Überreste einem Massaker gleich kreuz und quer über die Furchen verteilt liegen. Die pflanzlichen Leichenteile lassen mich erzittern, doch möglicherweise ist es auch nur der Nordwind, der in meine unbedeckten Waden beißt. Ein Zug braust auf den nahen Gleisen heran, pfeifend und rumpelnd balanciert er auf dem Damm der die Felder durchschneidet. Dann, nur einen kurzen Augenblick lang, erblicke ich sie. Meine Hose, zurückgelehnt in einem erstklassigen Abteil! Sie blättert in einer Zeitschrift und würdigt mich keinen Blickes. Ich ringe noch um eine klare Linie in meiner Gefühlswelt, da werde ich der anderen Abteile und ihrer Insassen gewahr. Hosen, Hosen und nochmals Hosen. In Blau, in Schwarz und in Grau sitzen sie da, und in hundert anderen Farben. Sie unterhalten sich, hören Musik oder lassen sich im Bordrestaurant das Geld aus den Taschen ziehen und reisen nach Süden. Schon ist der Zug vorbei, die roten Schlusslichter verschwinden bald im trüben Tag.

Auf meinem Weg nach Hause entdecke ich andere zitternde Schenkel um mich, die ich, auf Grund meiner eigenen Scham, bislang nicht bemerkt hatte. Ich bin nicht der einzige, den die große Migration der Hosen in den Süden unerwartet getroffen hat. Hoffen wir, das unsere Hemden und Jacken, unsere Pullover und Mäntel uns treu bleiben, denn es wird ein kalter langer Winter.

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We are the ark

9. Nov 2008 at 01:23 (Artikel für dicke Menschen) (, , , )

Letzte Nacht wurde ich wieder in Traumwelten gefangen, und wieder musste ich eine große Portion Seltsamkeiten erleben. Diesmal war es besonders kurios, denn ich war die Büchse der Pandora.

Träume haben komischerweise selten Anfänge, man ist nicht plötzlich irgendwo, sondern scheint immer auf einer langen Reise zu sein, der man sich erst langsam bewusst wird, und die dann plötzlich durch mehr oder minder bizarre Ereignisse unterbrochen wird.

Meine Reise war eine nicht sehr anstrengende. Ich lag flach auf dem Rücken und blickte in die undefinierbaren Gefilde über mir. Blaue Schlieren flossen da langsam ineinander, veränderten die Farbtöne ein ganz kleines bisschen, von Ultramarin zu Megamarin, von Preußisch Blau zu Bayrisch Blau. Sie bildeten etwas, das wie ein organischer Dom aussah, dessen hin und her driftende Spitze sich Dutzende von Kilometer über mir befand.

Hätte ich das Schauspiel noch länger betrachtet, wären mir sicherlich die roten und grünen Zäpfchen in meinen geträumten Augen verkümmert, deswegen versuchte ich mich aufzurichten.

Das war schwerer als erwartet, denn es stellte sich heraus, dass ich in einer zähen Masse lag, die mich fast umschloss und nur widerwillig meinen Gliedern erlaubte, meinen Wünschen zu gehorchen. Ich schaffte es irgendwann aufzustehen, und musste erstaunt feststellen, das ich mich in einer riesigen Petrischale befand, in deren weißlichen Nährboden der Abdruck meiner Silhouette langsam wieder zusammenfloss und verschwand. Ich versuchte so gut es ging, mich von dem schleimigen Gel zu befreien, das überall von meinem Körper tropfte und machte mich gleichzeitig schmatzenden Schrittes auf den Weg zur nächsten Wand.

Ich war erst einige Schritte gegangen, da hörte ich ein Geräusch hinter mir, das nicht leicht zu beschreiben ist. Es war eine Mischung aus dem Ploppen zerdrücktwerdender Luftperlen in Plastikverpackungsmaterial, dem Geräusch eines sich aufblasenden Airbags und dem fernen Heulen der wilden Jagd am Himmel einer eiskalten Nacht. Ich drehte mich um, und sah in der Ferne etwas über dem Nährboden aufbranden, eine dunkle Sammlung schwer zu fassender Dinge, ein schwarzes Rauschen, das rasch näher kam.

Ich beschleunigte meine Schritte so gut es ging, doch meine Füße waren schwer von Nährgel, so das mir bald klar war, dass es aussichtslos war, den Rand des Glases zu erreichen. Und selbst wenn ich es geschafft hätte, der Rand des Glases war mindestens zehn Meter hoch, und nirgends war etwas zu sehen, das mir den Aufstieg ermöglicht hätte.

Ich drehte mich um und erwartete die Welle.

Es dauerte nicht lange, da kam sie über mich, eine Flut von Winzigkeiten, jede für sich zu klein, um wahrgenommen zu werden, doch in der Summe brandeten sie wie ein Tsunami über mich hinweg, rissen mich von den Füßen und warfen mich wieder auf den Rücken.

Ich schloss die Augen, den Mund und auch alles andere, was sich mit Muskelkraft verschließen lässt. Das Gel schwappte um mich, und floss bald in meine Ohren, und da hörte ich den seltsamsten Gesang, den ich jemals erträumt hatte. Es war erst eher ein rhythmisches Rauschen, doch dann war da eine Stimme.

„Wir sind Legion“ brüllten Bakterien aus Trilliarden von Kehlen, und die die keine Kehlen hatten brüllten es vielleicht aus ihren Golgi-Apparaten, oder erzeugten Schall mit ihren Ganglien und Härchen. Sie brüllten es wieder und wieder, und irgendwann brüllte ich mit.

Kaum hatte ich meinen Mund geöffnet ergoss sich der Strom der Kleinstlebewesen in mich, füllte meine Backentaschen und meinen Rachen, und floss weiter hinab. Jede Pore meines Körpers wurde besetzt, und als jeder Gedanke, den ich dachte, schon von bakteriellen Kleinstgedanken durchsetzt war, und ich glaubte, das nichts und niemand mehr in mir Platz hatte, kamen noch mehr Bakterien hinzu, multiplizierten sich in mir und spannten mich zum Bersten.

Ich barst nicht. Stattdessen wuchs ich, erst langsam, dann immer schneller, erst in die Breite, dann zusehends in die Höhe. Nach wenigen Minuten hatte ich eine Größe erreicht, die mich über den Rand der Petrischale hätte steigen lassen können. Ich richtete mich auf, und merkte wie mein Körper rasant nach oben schoss, und seine Höhe in wenigen Augenblicken vervielfachte. Zwar war der Zustrom weiterer Heimstadtsuchender somit abgerissen, doch ich hatte schon so viele Inhabitanten, die sich in mit vermehrten, das ich weiterhin exponentiell wuchs.

Ich näherte mich stetig dem blauen Flirren über mir. Ein elektrisches Knistern verfing sich in meinen Ohren, Elmsfeuer tanzten über mich, zwickten in meine Haut und zogen an meinen Haaren, und irgendwann durchstieß ich den blauen Dom und fand mich im freien Weltraum wieder, bereit zum Tanz mit den Sternen. Ich stieß mich mit meinen Füßen leicht ab.

So trieb ich anfangs dahin, eine riesige Bakterienarche auf einer Kreuzfahrt ohne Ziel. Mein Wachstum hatte sich so plötzlich eingestellt, wie es begonnen hatte. Ich hatte jetzt die Größe eines kleineren Planeten, das schien mir vorerst auch ausreichend zu sein.

Während ich mich noch der Sterne und Galaxien um mich erfreute, kam mir plötzlich in den Sinn, dass ich, trotz meiner Größe, auch mal wieder atmen sollte. Eine leichte Panik kam auf, da mir der interplanetare Luftmangel durchaus bekannt war. Glücklicherweise erspähte ich einen grünblauen Planeten in der Nähe, dessen Atmosphäre durchaus genießbar schien. Ich ruderte wild mit meinen Armen, zerschmetterte dabei Asteroiden und Kometen, kam aber kaum vorwärts. Die Panik wuchs, und übertrug sich auf meine Insassen, die in mir wild zu plappern begannen oder auch nicht, aber wie ich hoffte, jedenfalls nach einer Lösung des Problems fahndeten. Und tatsächlich, nach nur kurzer Zeit setzte ich mich in Bewegung, in Richtung des Planeten. Ich schaute an mir hinab und entdeckte einen Strom von Zellmaterial, der rasch aus meiner Notausstiegsluke schoss. Nun gut, dachte ich, nicht sehr appetitlich, aber immerhin darf ich mich wie ein Sternenzerstörer fühlen.

Ich flog also noch rechtzeitig den Planeten an, steckte meine riesige Nase in die Atmosphäre und atmete tief ein und aus. Als ich fast allen Sauerstoff aufgenommen hatte, den der Planet so hergab, bemerkte ich die winzigen röchelnden Kreaturen auf seiner Oberfläche und bekam ein schlechtes Gewissen. Um ihnen weitere Qualen zu ersparen, gab ich dem Planeten einen Tritt und kickte ihn in die Sonne, um die er kreiste, in der er mit einem lautlosen Plopp verschwand.

Ich hatte erstmal ausreichend Luft in meinen Lungen und machte mich schnell auf den Weg, auch um meinem nagenden Schuldbewusstsein zu entfliehen. Ich trieb durch das tiefe All, durch interstellaren Staub, duschte mich in kosmischen Strahlen und rieb mir nach Gammastrahlenblitzen die Augen. Ich begegnete einigen Dingen, die mich erstaunen ließen, seltsamen hemisphären Quallen, torkelnden Raumsonden und komischen pollenartigen Kreaturen, die noch viel größer waren als ich, und mit Vorliebe gelbe Sterne aussaugten.

Äonen später spürte ich, dass wir uns unserem Ziel näherten. Wieder war es ein blaugrüner Planet, ungefähr viermal so groß wie ich selbst. Ich näherte mich ihm vorsichtig. Als ich meinen Kopf in die Atmosphäre steckte, bemühte ich mich, nicht zu atmen, sondern beobachtete lediglich das Treiben auf den Ebenen und in den Tälern, den Plateaus und Stränden. Und wieder sah ich winzige Kreaturen, die glücklich und froh über die Berge und Wüsten, Savannen und Becken hüpften. Ganz sicher war ich mir jedoch nicht, denn meine Augen waren keine Spionagesatelliten.

Da ich wusste, das dies der richtige Planet war, ließ ich mich auf ihm nieder, langsam und vorsichtig, und bildete einen neuen Erdteil im ehemals größten Ozean des Planeten. Sobald ich mich fest verankert hatte, begann der Exodus. Aus allen Poren schossen die Einzeller in ihre neue Heimat, sie fuhren aus mir wie exorzierte Dämonen und suchten ihren Platz in der neuen Welt.

Ich wurde kleiner und kleiner und schrumpfte zurück auf meine Originalgröße. Da war ich nun, in mitten eines riesigen Ozeans, in den ich gerade Phantastilliarden von Bazillen entlassen hatte und tat das einzig sinnvolle: Ich ertrank.

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Von der Bedeutung der Dinge – Der November

3. Nov 2008 at 22:39 (Von der Bedeutung der Dinge) (, , , )

Der November ist der älteste aller Monate. Vor vielen tausend Jahren, als die Jahre selber noch jung waren, bestand das Jahr nur aus dem November. Alle Menschen, die damals geboren wurden, wurden im November geboren, und waren vom Sternzeichen Skorpion oder Schütze. Das war nicht so schlimm, denn es gab noch nicht so viele Menschen, so dass man nicht zu oft Geburtstagsgeschenke machen musste. Zudem schenkte man sich vor vielen tausend Jahren sowieso nur Steine zum Geburtstag, denn es gab nichts anderes. Wenn die Menschen zu dieser lang vergessenen Zeit sehr vorsichtig waren, und nicht von Geburtstagsgeschenkelawinen begraben wurden, konnten sie bis zu tausend Jahre alt werden.

Aber es kam, wie es kommen musste: Es gab Leute, die gerne schenkten, und Leute, die gerne darauf verzichteten, und so wurden große Massen von Steinen von ersteren zu letzteren verschoben, so viele, dass es der Erde selbst bei ihren täglichen Pirouetten ganz schlecht wurde, und sie sich zur Seite neigte, um in den Weltraum zu bröckeln. Das klappte natürlich nicht, denn sie hatte ihre Anziehungskraft vergessen und so entstanden ein paar hingekotzte Inseln, wie z.B. Rügen.

Eine weitere Auswirkung war, dass die Erdachse nun anders geneigt war. „Irre,“ sagten die frühen Menschen, als der Schatten der Erdachse ihr verfilztes Haar verdunkelte, „irre.“ Und zum ersten Mal begannen die Blümchen zu blühen. Den Menschen war das unheimlich, und sie warfen Steine auf jede Blume, die sie sahen.

Das gab natürlich böses Blut, denn die meisten Steine auf der Welt waren irgendjemandem geschenkt worden, der nicht wollte, dass man sie zum Blumenbewerfen verwendete, weil er nicht gewillt war, die Qualitätseinbußen am Gestein hinzunehmen, die mit dem Kontakt mit Blümchen möglich schienen. So begann in einem November vor langer Zeit das große Zetern.

Menschen fuchtelten mit ihren Fäusten vor den Gesichtern anderer Menschen, oder ihrem eigenen, was damals noch nicht als Zeichen der Demenz galt. Sie stahlen einander Steine und versteckten sie unter anderen Steinen, so das ein Jammern das Zetern ergänzte. Besonders fiese Gesellen warfen die Lieblingssteine ihrer Mitmenschen in eines der großen Blumenfelder, die fast unaufhaltsam immer größere Landstriche bedeckten.

Das Heulen und Fluchen unserer Vorfahren war so laut, das der November es nicht mehr aushielt und eines Tages tot vom Himmel fiel. Die Menschen schauten sich mit einem Gesichtsausdruck an, der „Meine Fresse“ sagen zu schien, es aber nicht tat, weil die entsprechenden Worte noch nicht erfunden waren. Stattdessen sagten sie immerfort: „Irre, irre“.

Was sie aber vollkommen aus der Bahn warf, war die Tatsache, dass aus dem toten November ein kleines Kügelchen hervorkullerte, sich langsam entfaltete, und pulsierend begann, sich zu vergrößern. Es war der Juli, der zweite Monat, der jemals ins Sein befördert war, und er begann, den Platz des alten Novembers einzunehmen.

Die Menschen waren außer sich. Sie wälzten sich in ihren Steingeschenken, weil ihnen das als Ausdruck absoluten Außersichseins vorkam, und krähten weiterhin, wie „irre“ alles sei. Irgendwann, es dauerte nicht lange, warf jemand, der so total außer sich war, das Umherwälzen nicht mehr ausreichte, einen Stein in die Luft. Der Stein verharrte eine Weile am Scheitelpunkt seiner Reise, worauf schon allerlei Bekannte dem Jemand zu seiner neuen Erfindung gratulieren wollten, entschied sich dann aber doch für die Rückreise und zerschmetterte dem Werfer den Schädel.

Während seines Ausfluges hatte der Stein aber auch den Juli am Kopf getroffen, so das dieser besinnungslos zu Boden sank. Die Gelegenheit nutzend entsprangen alle anderen Monate seinem Leib, bis auf den November, der ja schon tot war und den Februar, der erst später von den Chinesen billig aus den anderen Monaten zusammenkopiert worden war.

Und so entstand irgendwie der Jahreskreis, der Oktober nagelte den toten November an das Firmament, wenn er keinen Bock mehr hatte, und der Dezember nahm ihn wieder ab.

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