Von der Bedeutung der Dinge – Der November
Der November ist der älteste aller Monate. Vor vielen tausend Jahren, als die Jahre selber noch jung waren, bestand das Jahr nur aus dem November. Alle Menschen, die damals geboren wurden, wurden im November geboren, und waren vom Sternzeichen Skorpion oder Schütze. Das war nicht so schlimm, denn es gab noch nicht so viele Menschen, so dass man nicht zu oft Geburtstagsgeschenke machen musste. Zudem schenkte man sich vor vielen tausend Jahren sowieso nur Steine zum Geburtstag, denn es gab nichts anderes. Wenn die Menschen zu dieser lang vergessenen Zeit sehr vorsichtig waren, und nicht von Geburtstagsgeschenkelawinen begraben wurden, konnten sie bis zu tausend Jahre alt werden.
Aber es kam, wie es kommen musste: Es gab Leute, die gerne schenkten, und Leute, die gerne darauf verzichteten, und so wurden große Massen von Steinen von ersteren zu letzteren verschoben, so viele, dass es der Erde selbst bei ihren täglichen Pirouetten ganz schlecht wurde, und sie sich zur Seite neigte, um in den Weltraum zu bröckeln. Das klappte natürlich nicht, denn sie hatte ihre Anziehungskraft vergessen und so entstanden ein paar hingekotzte Inseln, wie z.B. Rügen.
Eine weitere Auswirkung war, dass die Erdachse nun anders geneigt war. „Irre,“ sagten die frühen Menschen, als der Schatten der Erdachse ihr verfilztes Haar verdunkelte, „irre.“ Und zum ersten Mal begannen die Blümchen zu blühen. Den Menschen war das unheimlich, und sie warfen Steine auf jede Blume, die sie sahen.
Das gab natürlich böses Blut, denn die meisten Steine auf der Welt waren irgendjemandem geschenkt worden, der nicht wollte, dass man sie zum Blumenbewerfen verwendete, weil er nicht gewillt war, die Qualitätseinbußen am Gestein hinzunehmen, die mit dem Kontakt mit Blümchen möglich schienen. So begann in einem November vor langer Zeit das große Zetern.
Menschen fuchtelten mit ihren Fäusten vor den Gesichtern anderer Menschen, oder ihrem eigenen, was damals noch nicht als Zeichen der Demenz galt. Sie stahlen einander Steine und versteckten sie unter anderen Steinen, so das ein Jammern das Zetern ergänzte. Besonders fiese Gesellen warfen die Lieblingssteine ihrer Mitmenschen in eines der großen Blumenfelder, die fast unaufhaltsam immer größere Landstriche bedeckten.
Das Heulen und Fluchen unserer Vorfahren war so laut, das der November es nicht mehr aushielt und eines Tages tot vom Himmel fiel. Die Menschen schauten sich mit einem Gesichtsausdruck an, der „Meine Fresse“ sagen zu schien, es aber nicht tat, weil die entsprechenden Worte noch nicht erfunden waren. Stattdessen sagten sie immerfort: „Irre, irre“.
Was sie aber vollkommen aus der Bahn warf, war die Tatsache, dass aus dem toten November ein kleines Kügelchen hervorkullerte, sich langsam entfaltete, und pulsierend begann, sich zu vergrößern. Es war der Juli, der zweite Monat, der jemals ins Sein befördert war, und er begann, den Platz des alten Novembers einzunehmen.
Die Menschen waren außer sich. Sie wälzten sich in ihren Steingeschenken, weil ihnen das als Ausdruck absoluten Außersichseins vorkam, und krähten weiterhin, wie „irre“ alles sei. Irgendwann, es dauerte nicht lange, warf jemand, der so total außer sich war, das Umherwälzen nicht mehr ausreichte, einen Stein in die Luft. Der Stein verharrte eine Weile am Scheitelpunkt seiner Reise, worauf schon allerlei Bekannte dem Jemand zu seiner neuen Erfindung gratulieren wollten, entschied sich dann aber doch für die Rückreise und zerschmetterte dem Werfer den Schädel.
Während seines Ausfluges hatte der Stein aber auch den Juli am Kopf getroffen, so das dieser besinnungslos zu Boden sank. Die Gelegenheit nutzend entsprangen alle anderen Monate seinem Leib, bis auf den November, der ja schon tot war und den Februar, der erst später von den Chinesen billig aus den anderen Monaten zusammenkopiert worden war.
Und so entstand irgendwie der Jahreskreis, der Oktober nagelte den toten November an das Firmament, wenn er keinen Bock mehr hatte, und der Dezember nahm ihn wieder ab.