We are the ark

9. Nov 2008 at 01:23 (Artikel für dicke Menschen) (, , , )

Letzte Nacht wurde ich wieder in Traumwelten gefangen, und wieder musste ich eine große Portion Seltsamkeiten erleben. Diesmal war es besonders kurios, denn ich war die Büchse der Pandora.

Träume haben komischerweise selten Anfänge, man ist nicht plötzlich irgendwo, sondern scheint immer auf einer langen Reise zu sein, der man sich erst langsam bewusst wird, und die dann plötzlich durch mehr oder minder bizarre Ereignisse unterbrochen wird.

Meine Reise war eine nicht sehr anstrengende. Ich lag flach auf dem Rücken und blickte in die undefinierbaren Gefilde über mir. Blaue Schlieren flossen da langsam ineinander, veränderten die Farbtöne ein ganz kleines bisschen, von Ultramarin zu Megamarin, von Preußisch Blau zu Bayrisch Blau. Sie bildeten etwas, das wie ein organischer Dom aussah, dessen hin und her driftende Spitze sich Dutzende von Kilometer über mir befand.

Hätte ich das Schauspiel noch länger betrachtet, wären mir sicherlich die roten und grünen Zäpfchen in meinen geträumten Augen verkümmert, deswegen versuchte ich mich aufzurichten.

Das war schwerer als erwartet, denn es stellte sich heraus, dass ich in einer zähen Masse lag, die mich fast umschloss und nur widerwillig meinen Gliedern erlaubte, meinen Wünschen zu gehorchen. Ich schaffte es irgendwann aufzustehen, und musste erstaunt feststellen, das ich mich in einer riesigen Petrischale befand, in deren weißlichen Nährboden der Abdruck meiner Silhouette langsam wieder zusammenfloss und verschwand. Ich versuchte so gut es ging, mich von dem schleimigen Gel zu befreien, das überall von meinem Körper tropfte und machte mich gleichzeitig schmatzenden Schrittes auf den Weg zur nächsten Wand.

Ich war erst einige Schritte gegangen, da hörte ich ein Geräusch hinter mir, das nicht leicht zu beschreiben ist. Es war eine Mischung aus dem Ploppen zerdrücktwerdender Luftperlen in Plastikverpackungsmaterial, dem Geräusch eines sich aufblasenden Airbags und dem fernen Heulen der wilden Jagd am Himmel einer eiskalten Nacht. Ich drehte mich um, und sah in der Ferne etwas über dem Nährboden aufbranden, eine dunkle Sammlung schwer zu fassender Dinge, ein schwarzes Rauschen, das rasch näher kam.

Ich beschleunigte meine Schritte so gut es ging, doch meine Füße waren schwer von Nährgel, so das mir bald klar war, dass es aussichtslos war, den Rand des Glases zu erreichen. Und selbst wenn ich es geschafft hätte, der Rand des Glases war mindestens zehn Meter hoch, und nirgends war etwas zu sehen, das mir den Aufstieg ermöglicht hätte.

Ich drehte mich um und erwartete die Welle.

Es dauerte nicht lange, da kam sie über mich, eine Flut von Winzigkeiten, jede für sich zu klein, um wahrgenommen zu werden, doch in der Summe brandeten sie wie ein Tsunami über mich hinweg, rissen mich von den Füßen und warfen mich wieder auf den Rücken.

Ich schloss die Augen, den Mund und auch alles andere, was sich mit Muskelkraft verschließen lässt. Das Gel schwappte um mich, und floss bald in meine Ohren, und da hörte ich den seltsamsten Gesang, den ich jemals erträumt hatte. Es war erst eher ein rhythmisches Rauschen, doch dann war da eine Stimme.

„Wir sind Legion“ brüllten Bakterien aus Trilliarden von Kehlen, und die die keine Kehlen hatten brüllten es vielleicht aus ihren Golgi-Apparaten, oder erzeugten Schall mit ihren Ganglien und Härchen. Sie brüllten es wieder und wieder, und irgendwann brüllte ich mit.

Kaum hatte ich meinen Mund geöffnet ergoss sich der Strom der Kleinstlebewesen in mich, füllte meine Backentaschen und meinen Rachen, und floss weiter hinab. Jede Pore meines Körpers wurde besetzt, und als jeder Gedanke, den ich dachte, schon von bakteriellen Kleinstgedanken durchsetzt war, und ich glaubte, das nichts und niemand mehr in mir Platz hatte, kamen noch mehr Bakterien hinzu, multiplizierten sich in mir und spannten mich zum Bersten.

Ich barst nicht. Stattdessen wuchs ich, erst langsam, dann immer schneller, erst in die Breite, dann zusehends in die Höhe. Nach wenigen Minuten hatte ich eine Größe erreicht, die mich über den Rand der Petrischale hätte steigen lassen können. Ich richtete mich auf, und merkte wie mein Körper rasant nach oben schoss, und seine Höhe in wenigen Augenblicken vervielfachte. Zwar war der Zustrom weiterer Heimstadtsuchender somit abgerissen, doch ich hatte schon so viele Inhabitanten, die sich in mit vermehrten, das ich weiterhin exponentiell wuchs.

Ich näherte mich stetig dem blauen Flirren über mir. Ein elektrisches Knistern verfing sich in meinen Ohren, Elmsfeuer tanzten über mich, zwickten in meine Haut und zogen an meinen Haaren, und irgendwann durchstieß ich den blauen Dom und fand mich im freien Weltraum wieder, bereit zum Tanz mit den Sternen. Ich stieß mich mit meinen Füßen leicht ab.

So trieb ich anfangs dahin, eine riesige Bakterienarche auf einer Kreuzfahrt ohne Ziel. Mein Wachstum hatte sich so plötzlich eingestellt, wie es begonnen hatte. Ich hatte jetzt die Größe eines kleineren Planeten, das schien mir vorerst auch ausreichend zu sein.

Während ich mich noch der Sterne und Galaxien um mich erfreute, kam mir plötzlich in den Sinn, dass ich, trotz meiner Größe, auch mal wieder atmen sollte. Eine leichte Panik kam auf, da mir der interplanetare Luftmangel durchaus bekannt war. Glücklicherweise erspähte ich einen grünblauen Planeten in der Nähe, dessen Atmosphäre durchaus genießbar schien. Ich ruderte wild mit meinen Armen, zerschmetterte dabei Asteroiden und Kometen, kam aber kaum vorwärts. Die Panik wuchs, und übertrug sich auf meine Insassen, die in mir wild zu plappern begannen oder auch nicht, aber wie ich hoffte, jedenfalls nach einer Lösung des Problems fahndeten. Und tatsächlich, nach nur kurzer Zeit setzte ich mich in Bewegung, in Richtung des Planeten. Ich schaute an mir hinab und entdeckte einen Strom von Zellmaterial, der rasch aus meiner Notausstiegsluke schoss. Nun gut, dachte ich, nicht sehr appetitlich, aber immerhin darf ich mich wie ein Sternenzerstörer fühlen.

Ich flog also noch rechtzeitig den Planeten an, steckte meine riesige Nase in die Atmosphäre und atmete tief ein und aus. Als ich fast allen Sauerstoff aufgenommen hatte, den der Planet so hergab, bemerkte ich die winzigen röchelnden Kreaturen auf seiner Oberfläche und bekam ein schlechtes Gewissen. Um ihnen weitere Qualen zu ersparen, gab ich dem Planeten einen Tritt und kickte ihn in die Sonne, um die er kreiste, in der er mit einem lautlosen Plopp verschwand.

Ich hatte erstmal ausreichend Luft in meinen Lungen und machte mich schnell auf den Weg, auch um meinem nagenden Schuldbewusstsein zu entfliehen. Ich trieb durch das tiefe All, durch interstellaren Staub, duschte mich in kosmischen Strahlen und rieb mir nach Gammastrahlenblitzen die Augen. Ich begegnete einigen Dingen, die mich erstaunen ließen, seltsamen hemisphären Quallen, torkelnden Raumsonden und komischen pollenartigen Kreaturen, die noch viel größer waren als ich, und mit Vorliebe gelbe Sterne aussaugten.

Äonen später spürte ich, dass wir uns unserem Ziel näherten. Wieder war es ein blaugrüner Planet, ungefähr viermal so groß wie ich selbst. Ich näherte mich ihm vorsichtig. Als ich meinen Kopf in die Atmosphäre steckte, bemühte ich mich, nicht zu atmen, sondern beobachtete lediglich das Treiben auf den Ebenen und in den Tälern, den Plateaus und Stränden. Und wieder sah ich winzige Kreaturen, die glücklich und froh über die Berge und Wüsten, Savannen und Becken hüpften. Ganz sicher war ich mir jedoch nicht, denn meine Augen waren keine Spionagesatelliten.

Da ich wusste, das dies der richtige Planet war, ließ ich mich auf ihm nieder, langsam und vorsichtig, und bildete einen neuen Erdteil im ehemals größten Ozean des Planeten. Sobald ich mich fest verankert hatte, begann der Exodus. Aus allen Poren schossen die Einzeller in ihre neue Heimat, sie fuhren aus mir wie exorzierte Dämonen und suchten ihren Platz in der neuen Welt.

Ich wurde kleiner und kleiner und schrumpfte zurück auf meine Originalgröße. Da war ich nun, in mitten eines riesigen Ozeans, in den ich gerade Phantastilliarden von Bazillen entlassen hatte und tat das einzig sinnvolle: Ich ertrank.

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