In The Cold I’m Standing
Meine Hose lief mir eines Morgens davon. Warum sie das tat ist mir unbegreiflich, habe ich sie meines Wissens doch immer sorgsam behandelt, sie nie zu heiß gewaschen, und durch meinen kaum vorhandenen Bauch auch nicht zu sehr beansprucht. Vielleicht fühlte sie sich zu eng umgürtet, vielleicht zwickte sie mein Schlüsselbund, oder mein mittelformatiger Geldbeutel drückte an ihren Bünden, die die Nervenfäden einer jeden Hose sind.
Es ist mir nun nicht mehr möglich den Grund zu ermitteln, denn sie ist fort, wahrscheinlich für alle Zeit. Schöne Tage haben wir miteinander verbracht, breitbeinig durchschritten wir die Straßen der Stadt, saßen an warmen Sommerabenden auf schattigem Gemäuer und genossen die sanften Luftbewegungen, die uns streichelten, hetzten durch Regenschauer und übersprangen Pfützen in der irrigen Annahme, unsere Eile würde die Menge an Feuchtigkeit mindern, die wir aufzunehmen hatten. Wir trotzten den Stürmen des Herbstes, dessen unerschöpflicher Atem den Sommer und fast auch uns aus dem Land blies, und wir zitterten und wanden uns in den eisigen Klauen des lebenskraftstehlenden Frosts, der, dem Lauf der Welt gehorchend, folgte.
Schamvoll gehe ich dieser Tage durch mein Leben, meine Blöße ist nur allzu offenbar, und auch der Mantel, den ich trage, vermag sie nicht gänzlich zu verbergen. Ich spiele mit dem Gedanken einer Neuanschaffung, doch ein derartiger Schritt will wohl überlegt sein. Es würde die endgültige Trennung von meinem bis vor kurzem so treu ergebenen Beinkleide sein, ein Ereignis, das ich tief in mir immer noch zu verhindern hoffe.
Eines weiteren Morgens finde ich mich auf einem Feld, das vor kurzem noch mit modrigem Mais bestanden war, dessen zerhackte und abgestorbene Überreste einem Massaker gleich kreuz und quer über die Furchen verteilt liegen. Die pflanzlichen Leichenteile lassen mich erzittern, doch möglicherweise ist es auch nur der Nordwind, der in meine unbedeckten Waden beißt. Ein Zug braust auf den nahen Gleisen heran, pfeifend und rumpelnd balanciert er auf dem Damm der die Felder durchschneidet. Dann, nur einen kurzen Augenblick lang, erblicke ich sie. Meine Hose, zurückgelehnt in einem erstklassigen Abteil! Sie blättert in einer Zeitschrift und würdigt mich keinen Blickes. Ich ringe noch um eine klare Linie in meiner Gefühlswelt, da werde ich der anderen Abteile und ihrer Insassen gewahr. Hosen, Hosen und nochmals Hosen. In Blau, in Schwarz und in Grau sitzen sie da, und in hundert anderen Farben. Sie unterhalten sich, hören Musik oder lassen sich im Bordrestaurant das Geld aus den Taschen ziehen und reisen nach Süden. Schon ist der Zug vorbei, die roten Schlusslichter verschwinden bald im trüben Tag.
Auf meinem Weg nach Hause entdecke ich andere zitternde Schenkel um mich, die ich, auf Grund meiner eigenen Scham, bislang nicht bemerkt hatte. Ich bin nicht der einzige, den die große Migration der Hosen in den Süden unerwartet getroffen hat. Hoffen wir, das unsere Hemden und Jacken, unsere Pullover und Mäntel uns treu bleiben, denn es wird ein kalter langer Winter.