Transfatty Acid

19. Nov 2008 at 00:06 (Artikel für dicke Menschen) (, , , , )

Das Folgende geschah zu später Stunde an einem Tag spät im Jahr in einer ungewöhnlich verspäteten Bahn: Jugendliche Alkoholiker, die nach getaner Suchtbefriedigung auf dem Weg nach Hause oder dem, was sie in ihren vernebelten Hirnen für den Heimweg hielten, waren, verzierten die Straßenbahn mit Zwischenprodukten ihrer Verdauungstrakte. Ein alles in allem übliches Vorkommnis in urbanen Gegenden.

Die Bahn war die letzte ihrer Art für den schon abgelaufenen Tag, die nächste würde erst viele Stunden in der ungewissen Zukunft abfahren. So blieb den Mitreisenden, die dem Alkohol nicht zugesprochen hatten nichts anderes, als auf den Sitzen zu verharren, die Füße über die sich ausbreitenden bräunlichen Seenlandschaften zu halten und sich glücklich zu schätzen, wenn man gerade unter einem kräftigen Schnupfen litt.

Die Fahrt war eine lange, denn das Land ist groß und seine Menschen haben sich in den Kopf gesetzt, an weit auseinander liegenden Flecken zu leben. Die Produktion an Körpersäften  hielt unvermindert an, denn die Jugend hatte große Mengen an Hochprozentigem in ihren coolen Parkas gebunkert, die besonders beschissen zu ihren Haarmähnen passten, die wie Bausünden aus den 60ern und 70ern weithin Stirnrunzeln auslösten, und auf denen Baseball-Kappen nur lagen, weil es sich als unmöglich erwiesen hätte sie wieder zu entfernen, hätten sie sie vorschriftsmäßig auf ihre Köpfe gedrückt, da sie dann in dem Haar und Gel-Morast für immer verbacken gewesen wären.

Wir durchfuhren ein wenig beleuchtetes Gebiet, ein von der Natur zurückerkämpftes oder vom Menschen als zu irrelevant empfundenes Areal, ein Loch in der Zivilisation, als es passierte: Es ruckte, es funkte, ein Kreischen von Metall auf Metall war zu hören, dann standen wir. Das Meer an Körperlichkeit, dass durch den Innenraum der Bahn schwappte, und sie an ein leckes Unterseeboot erinnern ließ, hatte den kompletten Unterbau des Fahrzeugs weggefressen.

Das hatte zumindest den Vorteil, dass die Schweinerei langsam aber sicher in dem nun ersichtlich werdenden Kiesbett versickerte. Irritation herrschte, zog sich wie eine tiefhängende Wolkenfront durch den Wagen und versperrte klugen Gedanken die Sicht. Um Abhilfe zu schaffen, zog ich an einem Notausstieg-Hämmerchen, um mich ans Demolieren der Inneneinrichtung des Fahrzeugs zu machen. Das schien mir zu diesem Zeitpunkt eine gute Idee. Sie scheiterte allein daran, dass ich nicht in der Lage war, die Sicherung des Hämmerchens zu entfernen, so dass man mich beim wild Auf- und Abhüpfen, Zerren und Zetern hätte beobachten können, wären die besagten Wolken nicht gewesen. Ich trat die Tür also einfach so ein, und trat ins Freie.

Da standen wir nun, wir Spätheimkehrer, denen der Akt des Spätheimkehrens verwehrt wurde, im Freien vor einer Fahrzeugruine. Es war die Kälte, die uns erzittern ließ, doch auch die Schreie der Antilopen, das Jaulen der Nilpferde und das irre Gackern der Zikaden trugen ihren Teil bei. Kein Licht erhellte unsere Umgebung und wir stellten uns tödliche Abhänge, unergründliche Sümpfe und weiche Landschaften aus Daunenkissen vor, die sich unbemerkt um uns erstreckten. Niemand traute sich, den ersten Schritt zu tun, aus Angst, seine Daunenallergie könnte ausbrechen.

Schließlich kamen wir auf die rettende Idee, einen Alkoholiker anzuzünden. Die gelgetränkten Haare brannten wie Zunder, und verbreiteten einen angenehmen Karamellgeruch, so dass wir gleich noch einen weiteren entflammten. Mit ihnen als Vorhut kämpften wir uns durch die Unwirtlichkeiten, die uns die Natur zu dieser nachtschlafenden Zeit entgegenwarf. Wir kamen vorbei an großen Bäumen, an kleinen Bäumen und an eher mittelgroßen Bäumen. Endlich, unser letzter Alkoholiker war fast schon niedergebrannt sahen wir sie dann, die rettenden Lichter der Zivilisation. Glücklich, auch diese Episode in unseren belanglosen Leben überlebt zu haben, bestellten wir ein Taxi und fuhren nach Hause.

1 Kommentar

  1. Jonas sagte,

    Dieser Text sollte ins Guiness-Buch der Rekorde!

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