Regentage

28. Mär 2009 at 01:13 (Artikel für dicke Menschen) (, , )

„Diese Dinge passieren“, sagte ich gerade zu meinem Gegenüber, einem ältlichen schrumpeligen Männchen mit einem Archipel von Leberflecken auf dem haarlosen Hautozean seiner oberen Schädelhemisphäre, als ein Ruck durch den Zug ging, der mich nach vorne taumeln ließ. Ich wurde aus meinem Sitz getragen, und glitt wie schwerelos, meinem Bewegungsmoment ausgeliefert, über die Bild-Zeitung auf seinem Schoß hinweg, wo der Finger meines Gegenübers immer noch auf ein Bild eines toten Amok-Läufers zeigte, auf sein einen erschreckten Laut formendes Gesicht hinzu, dass mich eben unvermittelt nach meiner Meinung zu den letzten medial ausgeschlachteten Bluttaten des Abgebildeten gefragt hatte. Einer Raketen-Kapsel gleich, die im Begriff ist, an eine Raumstation anzudocken, doch eine viel zu hohe Geschwindigkeit aufweist, hörte ich schwach die Stimmen synchronisierter Controller aus Houston in meinem Kopf, die „Abbruch, Abbruch“ schrieen, doch es war zu spät, unser Schicksal war besiegelt. Ein kleinwenig zu schnell prallte meine Stirn auf die Nase des alten Herren, knautschte sie tief in sein Gesicht, bis ich endlich zum Stillstand kam und mich langsam, aber bestimmt auf den Rückweg machen konnte.
Ein einzelner Bluttropfen rann aus seinem rechten Nasenloch seine faltige Lippe entlang in seinen Mundwinkel, eine rote Träne, die seinem erstaunten Gesicht eine verletzliche Note gab.
Ich saß wieder in meinem Sitz, und fühlte mich leicht benebelt. „Diese Dinge passieren“, sagte ich.

Mittlerweile hatte ich den Zug gewechselt. Der alte Mann und seine blutige Nase gingen mir noch durch den Kopf, als die Ödnis der Rheinebene mit ihren endlos aneinander gereihten Äckern und Feldern an mir vorbeizog und mein Denken betäubte. Ich hatte mich ungefähr zwanzig Mal bei ihm entschuldigt, und er hatte die Entschuldigung zwanzigmal angenommen, trotzdem war ich froh, als ich zwei Stationen später die Bahn verlassen konnte. Ich saß jetzt allein in einem Abteil, und konnte nur noch mir selbst gefährlich werden.

Wir standen am unspektakulärsten Ort der Welt. Aus wie immer unerfindlichen Gründen hatte der Zug auf der Strecke angehalten. Ein leerer Acker erstreckte sich soweit das Auge schauen konnte, ohne vor Langeweile zu zucken zu beginnen, und wurde von einer namenlosen Ortschaft flankiert, in der wahrscheinlich gesichts- und seelenlose Menschen namenlos wie Schaufensterpuppen ihre Existenz damit verbrachten auf ihr Ende zu warten.
Der Himmel ummalte die trostlose Szene mit einem konturlosen Grau. Dafür hatte Gott die Welt nicht geschaffen.
Ein Tropfen rann die Scheibe hinab. Er ließ sich Zeit, brach unvermittelt nach links oder nach rechts aus, schien fast zu verharren um dann umso schneller den Weg nach unten vorzusetzen. Ich verfolgte ihn bis an sein Ende und fragte mich, wo er wohl her gekommen sein mag, denn trotz all dem Grau am Himmel war das Wetter trocken. Ein weiterer Tropfen folgte und noch einer. Mehr und mehr Wasser rann das Fenster hinunter, doch von Regen war nichts zu sehen.
Vielleicht waren es Tränen, kam mir in den Sinn, doch wer sie weinte, wusste ich nicht. Ich dachte wieder an den alten Mann, und seine blutige Nase. Vielleicht saß er auf dem Dach und weinte immer noch ob der Schmerzen, die ich ihm verursacht hatte. Ich wollte aufstehen, und eine Entschuldigung nach oben schreien, als ich bemerkte, dass es doch nur die Wolken waren, die fast unmerklich Wasser nieselten. Es hätten Tränen sein können, dachte ich, diese Dinge passieren. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke: Nein, das tun sie wohl eher nicht.

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Abendstimmung

23. Mär 2009 at 22:35 (Artikel für dicke Menschen) (, , )

Es war an einem kühlen Frühlingsabend in den Iden eines Frühlingsmonates, vielleicht des Aprils, vielleicht auch nicht, aber das ist auch nicht weiter wichtig, denn das folgende ist gelogen und hat sich nie ereignet.

Dieser letzte Nebensatz klingt mir noch etwas nach beim Schreiben (denn ich diktiere meinen Fingern mit lauter klarer Stimme die Abfolge der Buchstaben, deren korrespondierende und wahrscheinlich bakteriell verseuchte Tasten einzudrücken sind) und nimmt mir etwas den Wind aus den Segeln, will sagen, die Motivation, den Text weiter zu verfassen und auszuformulieren. Wertlose Fiktion gibt es genug auf der Welt, und hier tippe ich, um mehr auf diese Halde zu kippen. Nun denn, so sei es.

Zurück in den (leider fiktiven) Frühlingsabend, an dem ich ebenso fiktiv mit anderen fiktiven Gestalten auf einer fiktiven Dachterrasse stand, ein Gläschen Trendgetränk in meiner Rechten, den Blick abwechselnd auf meine fiktive (und deswegen sehr ansehnliche) Gesprächspartnerin gerichtet, um ihn dann auch wieder auf den grauenden Horizont zu lenken, hauptsächlich um etwas visionär zu wirken, aber auch um das Verblassen der Farben auf den Feldern und Hügeln zu bewundern, das Schlüpfen der Umwelt in den grauen Mantel der Nacht.

Mehrere bekannte Themen wurden angeschnitten, wie es bei Zusammenkünften von Leuten, die sich eigentlich nichts zu sagen haben, so üblich ist: Das Wetter, die Wirtschaftskrise und der Terror, die Dreifaltigkeit der guten Abendunterhaltung.

Auch die Philosophie kam irgendwann ins Spiel, die Existenz Gottes wurde diskutiert. Ich enthielt mich weitgehend der Thematik, lies andere das Für und Wider erörtern, das ich seit Jahren für mich wieder und wieder durchgekaut hatte, und an deren Vertiefung ich derzeit kein Interesse zeigte. Erst beim Konsens wurde ich wieder hellhörig. Man hatte beschlossen, Gott existiere nicht, oder nicht mehr. „Gott ist tot“, zitierte jemand, was von der Runde im Einklang wiederholt wurde, und worauf wir die Gläser anklingen ließen.

In die apokalyptische Stille hinein, die auf das Verhallen unseres Gläserklangs entstand, mischte sich ein tiefes Seufzen, das aus dem Innersten der Erde oder dem Äußersten der Sphären zu kommen schien. Es klang müde, vielleicht etwas enttäuscht oder sogar erleichtert.

Und dann sahen wir in weiter Ferne eine riesige Gestalt lautlos vom monderhellten Himmel stürzen. Sie erfüllte den dunklen Horizont fast zur ganzen Breite, ihre Arme und Beine wogten friedlich im Fallwind, ihr Kopf uns abgewandt. Sie fiel langsam und schweigend fast eine Minute und verschwand für immer hinter den Bergen in der Ferne.

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