Abendstimmung

23. Mär 2009 at 22:35 (Artikel für dicke Menschen) (, , )

Es war an einem kühlen Frühlingsabend in den Iden eines Frühlingsmonates, vielleicht des Aprils, vielleicht auch nicht, aber das ist auch nicht weiter wichtig, denn das folgende ist gelogen und hat sich nie ereignet.

Dieser letzte Nebensatz klingt mir noch etwas nach beim Schreiben (denn ich diktiere meinen Fingern mit lauter klarer Stimme die Abfolge der Buchstaben, deren korrespondierende und wahrscheinlich bakteriell verseuchte Tasten einzudrücken sind) und nimmt mir etwas den Wind aus den Segeln, will sagen, die Motivation, den Text weiter zu verfassen und auszuformulieren. Wertlose Fiktion gibt es genug auf der Welt, und hier tippe ich, um mehr auf diese Halde zu kippen. Nun denn, so sei es.

Zurück in den (leider fiktiven) Frühlingsabend, an dem ich ebenso fiktiv mit anderen fiktiven Gestalten auf einer fiktiven Dachterrasse stand, ein Gläschen Trendgetränk in meiner Rechten, den Blick abwechselnd auf meine fiktive (und deswegen sehr ansehnliche) Gesprächspartnerin gerichtet, um ihn dann auch wieder auf den grauenden Horizont zu lenken, hauptsächlich um etwas visionär zu wirken, aber auch um das Verblassen der Farben auf den Feldern und Hügeln zu bewundern, das Schlüpfen der Umwelt in den grauen Mantel der Nacht.

Mehrere bekannte Themen wurden angeschnitten, wie es bei Zusammenkünften von Leuten, die sich eigentlich nichts zu sagen haben, so üblich ist: Das Wetter, die Wirtschaftskrise und der Terror, die Dreifaltigkeit der guten Abendunterhaltung.

Auch die Philosophie kam irgendwann ins Spiel, die Existenz Gottes wurde diskutiert. Ich enthielt mich weitgehend der Thematik, lies andere das Für und Wider erörtern, das ich seit Jahren für mich wieder und wieder durchgekaut hatte, und an deren Vertiefung ich derzeit kein Interesse zeigte. Erst beim Konsens wurde ich wieder hellhörig. Man hatte beschlossen, Gott existiere nicht, oder nicht mehr. „Gott ist tot“, zitierte jemand, was von der Runde im Einklang wiederholt wurde, und worauf wir die Gläser anklingen ließen.

In die apokalyptische Stille hinein, die auf das Verhallen unseres Gläserklangs entstand, mischte sich ein tiefes Seufzen, das aus dem Innersten der Erde oder dem Äußersten der Sphären zu kommen schien. Es klang müde, vielleicht etwas enttäuscht oder sogar erleichtert.

Und dann sahen wir in weiter Ferne eine riesige Gestalt lautlos vom monderhellten Himmel stürzen. Sie erfüllte den dunklen Horizont fast zur ganzen Breite, ihre Arme und Beine wogten friedlich im Fallwind, ihr Kopf uns abgewandt. Sie fiel langsam und schweigend fast eine Minute und verschwand für immer hinter den Bergen in der Ferne.

2 Kommentare

  1. bg sagte,

    Einst wünschte ich, ich könnte eben so brillante Texte schreiben. Nun ist nur noch der Wunsch verblieben, häufiger solche Worte zu lesen.
    Mehr davon! Bitte.

  2. Jonas sagte,

    Das Wort „fiktiv“ wird penetriert. Absicht?

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