Regentage
„Diese Dinge passieren“, sagte ich gerade zu meinem Gegenüber, einem ältlichen schrumpeligen Männchen mit einem Archipel von Leberflecken auf dem haarlosen Hautozean seiner oberen Schädelhemisphäre, als ein Ruck durch den Zug ging, der mich nach vorne taumeln ließ. Ich wurde aus meinem Sitz getragen, und glitt wie schwerelos, meinem Bewegungsmoment ausgeliefert, über die Bild-Zeitung auf seinem Schoß hinweg, wo der Finger meines Gegenübers immer noch auf ein Bild eines toten Amok-Läufers zeigte, auf sein einen erschreckten Laut formendes Gesicht hinzu, dass mich eben unvermittelt nach meiner Meinung zu den letzten medial ausgeschlachteten Bluttaten des Abgebildeten gefragt hatte. Einer Raketen-Kapsel gleich, die im Begriff ist, an eine Raumstation anzudocken, doch eine viel zu hohe Geschwindigkeit aufweist, hörte ich schwach die Stimmen synchronisierter Controller aus Houston in meinem Kopf, die „Abbruch, Abbruch“ schrieen, doch es war zu spät, unser Schicksal war besiegelt. Ein kleinwenig zu schnell prallte meine Stirn auf die Nase des alten Herren, knautschte sie tief in sein Gesicht, bis ich endlich zum Stillstand kam und mich langsam, aber bestimmt auf den Rückweg machen konnte.
Ein einzelner Bluttropfen rann aus seinem rechten Nasenloch seine faltige Lippe entlang in seinen Mundwinkel, eine rote Träne, die seinem erstaunten Gesicht eine verletzliche Note gab.
Ich saß wieder in meinem Sitz, und fühlte mich leicht benebelt. „Diese Dinge passieren“, sagte ich.
Mittlerweile hatte ich den Zug gewechselt. Der alte Mann und seine blutige Nase gingen mir noch durch den Kopf, als die Ödnis der Rheinebene mit ihren endlos aneinander gereihten Äckern und Feldern an mir vorbeizog und mein Denken betäubte. Ich hatte mich ungefähr zwanzig Mal bei ihm entschuldigt, und er hatte die Entschuldigung zwanzigmal angenommen, trotzdem war ich froh, als ich zwei Stationen später die Bahn verlassen konnte. Ich saß jetzt allein in einem Abteil, und konnte nur noch mir selbst gefährlich werden.
Wir standen am unspektakulärsten Ort der Welt. Aus wie immer unerfindlichen Gründen hatte der Zug auf der Strecke angehalten. Ein leerer Acker erstreckte sich soweit das Auge schauen konnte, ohne vor Langeweile zu zucken zu beginnen, und wurde von einer namenlosen Ortschaft flankiert, in der wahrscheinlich gesichts- und seelenlose Menschen namenlos wie Schaufensterpuppen ihre Existenz damit verbrachten auf ihr Ende zu warten.
Der Himmel ummalte die trostlose Szene mit einem konturlosen Grau. Dafür hatte Gott die Welt nicht geschaffen.
Ein Tropfen rann die Scheibe hinab. Er ließ sich Zeit, brach unvermittelt nach links oder nach rechts aus, schien fast zu verharren um dann umso schneller den Weg nach unten vorzusetzen. Ich verfolgte ihn bis an sein Ende und fragte mich, wo er wohl her gekommen sein mag, denn trotz all dem Grau am Himmel war das Wetter trocken. Ein weiterer Tropfen folgte und noch einer. Mehr und mehr Wasser rann das Fenster hinunter, doch von Regen war nichts zu sehen.
Vielleicht waren es Tränen, kam mir in den Sinn, doch wer sie weinte, wusste ich nicht. Ich dachte wieder an den alten Mann, und seine blutige Nase. Vielleicht saß er auf dem Dach und weinte immer noch ob der Schmerzen, die ich ihm verursacht hatte. Ich wollte aufstehen, und eine Entschuldigung nach oben schreien, als ich bemerkte, dass es doch nur die Wolken waren, die fast unmerklich Wasser nieselten. Es hätten Tränen sein können, dachte ich, diese Dinge passieren. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke: Nein, das tun sie wohl eher nicht.