Gewöhnungssache
Man gewöhnt sich an alles.
An Zigaretten und Alkohol, an kalten Rauch und den schalen Geruch von abgestandenem Bier und schlechten Atem.
Das Aufstehen in aller Frühe wird schon in der Schulzeit gelernt. Vielleicht verlernt man es wieder in der Studienzeit, danach verfolgt es einen aber bis ans Ende. Oder zur Rente. Und ab da kann man nicht mehr anders.
An das Diktat der Arbeit, daran täglich acht Stunden seines Lebens zu verschenken für ein paar Kröten auf dem Konto. Man gewöhnt sich schnell an die paar Kröten auf dem Konto, man gewöhnt sich aber genauso schnell an die roten Zahlen.
Ebenso an das schlechte Fernsehprogramm mit den immer gleichen Mördern in den Krimis, den regelmäßigen Katastrophen in den Nachrichten, den austauschbaren Sternchen in den Soaps, die mit den immer gleichen Problemen kämpfen und den dutzendsten Superstar.
Ans Älterwerden, an die grauen Schläfen und die vielen jungen Leute, die plötzlich überall herumrennen und komische Frisuren auf den Köpfen haben.
Man gewöhnt sich an Leid und Elend in der Welt, an die Bilder hungernder Kinder, aidskranker Mütter und in Kriegen sterbender Väter. Und daran, die Bilder kurz darauf wieder zu verdrängen.
Man gewöhnt sich an die Zeilen großartiger Songs, die einem mal so viel bedeutet haben, und mittlerweile zur Hintergrundberieselung verkommen sind. Wie kann man die Zeile „And death comes so slow“ so einfach überhören?
Man gewöhnt sich an die Dinge, die man kann, und die, die man nicht kann, und daran, es nicht mehr zu versuchen etwas aus Letzterem zu etwas Ersterem zu machen.
An die Einförmigkeit der Tage, das Vorüberziehen des Lebens, das sich immer schneller drehende Karussell der Jahreszeiten.
Man gewöhnt sich daran, ständig „Man müsste…“ oder „Man sollte…“ zu sagen, ohne auf die Idee zu kommen, tatsächlich etwas zu tun.
An die Leere in meinem Kopf und anderswo.
An die Tatsache, dass diese Texte ohne Pointe enden.