Das Leben ist kurz
Das Leben ist kurz und es ist zerbrechlich. Passt man nicht auf, ist es schneller vorbei, als man gucken kann. Gestern wurde ich daran erinnert.
Ich lungerte auf dem ersten Bahnsteig des Hauptbahnhofes herum, und wartete auf den Zug, der mich in den Norden transportieren sollte. Überall um mich standen plappernde Reisende, fesche Anzugträger und tränenüberströmte Wochenendbeziehungselemente und lungerten mit.
Fünf Minuten vor Ankunft unserer Bahn plärrte eine Durchsage eine Warnung bezüglich eines durchfahrenden Zuges an unserem Bahnsteig und gemahnte uns, doch gefälligst einen Schritt zurück zu tun, was allgemein ignoriert wurde.
Beim Blick nach Süden, aus dem ich den nun nahenden Zug vermutete, sah ich einen Rollstuhlfahrer gefährlich nahe am Rande des Bahnsteigs sich von mir entfernen. Er war sicherlich hundert Meter weiter und in einem Bereich unterwegs, der eigentlich nur eine unnötige Verlängerung des Bahnsteigs ohne Funktion und somit menschenleer war.
Nicht so clever, dachte ich noch, da rauschte der Zug plötzlich an mir vorbei. Er hatte mich etwas überrascht, denn er kam unerwarteterweise aus Norden. Ich folgte dem Zug mit meinem Blick, und als ich wieder in Richtung des Rollstuhlfahrers sah, sah ich gerade noch, wie er einen Schlenker machte, erst weg vom Bahnsteigrand, dann voll darauf zu.
Einen Augenblick später explodierte der Rollstuhl in tausend Stücke, als er auf den fahrenden Zug traf. Irgendwo in der Wolke aus Metall und Plastik flog ein Körper umher, und einen weiteren Augenblick später war alles vorbei.
Ich guckte mich um. Weder die Reisenden, noch die Anzugträger oder Wochenender hatten irgendetwas davon mitbekommen.
Also lies ich meine Sachen stehen und lief los. Der Zug bremste mittlerweile neben mir und als ich an die Stelle des Unglücks kam, waren schon fünf andere Leute herbeigeeilt. Der Rollstuhlfahrer lag neben seinem zersplitterten Rollstuhl auf dem Boden. Er lebte noch. Er lag auf dem Bauch und jammerte. Blut floss sehr langsam unter seinem Kopf hervor. Wir setzten einen Notruf ab, waren danach aber recht ratlos, was zu tun sei. Er hatte Schmerzen im Gesicht, das auf den von der Sonne sehr erhitzten Steinplatten lag. Wir trauten uns aber nicht, ihn zu bewegen, so litt er noch eine Weile vor sich hin, bis der Krankenwagen eintraf und ihn und uns erlöste.
Der Vorfall brachte den Fahrplan vollständig durcheinander. Der Zugverkehr in und aus dem Bahnhof kam insgesamt eine Stunde vollständig zum Erliegen, dann machten wir uns auf nach Norden.
Das Leben ist kurz. Ich weiß nicht, ob ich Zeuge eines Unfalls wurde, oder eher eines Versuchs, ihm zu entfliehen. Was es auch war, ich werde wohl noch eine Weile von explodierenden Rollstühlen träumen müssen.
Sommerbrand
Ein Gaga-Dada-Singsang über die warme Jahreszeit
Flugzeugschwärme
zeichnen am Himmel ihre Bahnen,
Trolleyfahrer
steigen auf zu fernen Zielen,
Luftschlösser
meilenhoch am Firmament,
Funken fliegen
und verglimmen wie der Tag.Halkyonisch stille Tage – Sommerlaue Nächte
Erdbeerpflücker
schinden ihre Rücken,
Erdbeeresser
schlemmen in Entzücken,
Mauerblümchen
verdorren in der Hitze,
Schattenrisse
kleben an der Wand.Zehntausend Jahre Sommer – Zehntausend Jahre Sonnenbrand
In den Morgenländern
dämmert schon der Abend,
Sternenleichen
verwesen bunt im Himmelszelt,
Leuchtturmfeuer
brennen an den Horizonten,
Wandersterne
suchen ihren Weg.Polarlichter tanzen – Das Universum singt
Grillen zirpen
oder doch das Rauschen der Äonen,
Honigkuchenpferde
horchen auf die Zeitenwende,
Schmetterlingsflügel
erzeugen irgendwo Orkane,
Adlerschwingen
vernichten fast die Welt.Hundert schwarze Schafe – Ein weißer Elefant
Der Leergutmann
durchwühlt die immer gleichen Tonnen,
die Lebensläufe
verstauben ungelesen,
Jet-Set-Töchter
kaufen all die teuren Sachen,
Im Klärschlamm liegend
reinigen Bakterien die Poren.Atemwege – Pandemische Visionen
Mikroskopische Gebilde
führen winzig kleine Leben,
Menschen aller Orten
sterben unsichtbare Tode,
die inneren Dämonen
schreien immer lauter,
nicht so schlimm,
ich werde immer tauber.Innehalten – Auseinandergehen