Schwächer als
Die Weakerthans sind eine Band, die sich schon lange auf meiner Amazon-Wunschliste in Form ihres Albums „Reconstruction Site“ tummelten, aber aus irgendeinem, mir sich partout nicht mehr erschließen wollendem Grund es nie bis in den Einkaufswagen geschafft hatten. Bis zu diesem schicksalhaften Tag im September… nun, das geht etwas zu weit, allerdings hat der Kauf und das darauf folgende mehrmalige Lauschen der 14 Songs der Platte dazu geführt, dass ich sofort die restliche Diskographie der Band in den Amazon-Einkaufswagen warf und diesmal auch gleich den Bestell-Knopf tiefstmöglich eindrückte, um mich einem raschen Versand der weiteren drei Alben zu versichern. Mittlerweile ist das Triumvirat angekommen und wurde von mir belauscht, allerdings sprang der Funke erst beim neusten Album „Reunion Tour“ so richtig, die beiden früheren Werke müssen wohl noch etwas meine Hörrinde streicheln, bevor ich den ihnen sicherlich innewohnenden Liebreiz so richtig schätzen kann.
Was macht die Band nun aus, ist die Frage, die sicher der Leser (gäbe es ihn), stellen müsste. Warum sollte ich Geld in eine CD oder ein paar MP3-Dateien investieren, die dann ins reiche kanadische Winnipeg fließen (würde nicht die böse, böse Musikindustrie dem Künstler nicht schon den Großteil des Erlöses in ihre schwarz-modrigen Eingeweide abpumpen), anstatt einem armen kenianischen Kind für den gleichen Preis den Schulbesuch für ein viertel Jahr zu ermöglichen? *) Meine Güte, würde ich erwidern, hier argumentativ die Oberhand für die Weakerthans zu gewinnen ist ja quasi unmöglich, außer ich würde die böse, böse Entwicklungshilfeindustrie ins Spiel bringen. Was ich nicht mache, deshalb macht doch was ihr wollt.
Sollte man sich aber irgendeine moralische Begründung zurechtgelegt haben, die es einem erlaubt, ein Album zu erwerben, so böte sich das folgende im Falle des Albums „Reconstruction Site“:
Der Tonträger, sofern man noch nicht gänzlich in die digitalen Weiten abgeschweift ist, hält vierzehn einzelne Stücke, die alle zum Entzücken des Hörers unterschiedlich sind. Nun, das stimmt nicht ganz, denn das erste („(Manifest)“), das mittlere („(Hospital Vespers)“) und das letzte („(Past-Due)“) teilen die gleiche Melodie, und erzählen die Geschichte eines Todkranken. Vor allem lyrisch gehören die drei Songs zum so ziemlich besten, was ich kenne, aber auch musikalisch sind sie ziemlich perfekt, es ist der zweite Song, und dort die zweite Strophe, die es mir aus irgendeinem Grund besonders angetan hat:
You tried not to roll your sunken eyes,
and said „Hey can you help me, I can’t reach it.“
Pointed at the camera in the ceiling.
I climbed up, blocked it so they couldn’t see.
Turned to find you out of bed, and kneeling.
Before the nurses came, took you away,
I stood there on a chair and watched you pray.
Das ganze Album kommt nicht unbedingt gutgelaunt daher, ist aber auch nicht durchgehend todtraurig. Der Titeltrack beispielsweise ist etwas nostalgisch und trotzig hoffnungsvoll:
Buy me a shiny new machine
That runs on lies and gasoline
And all those batteries we stole from smoke-alarms
And disassembles my despair
It never took me anywhere
It never once bought me a drink
Weitere Anspieltipps sind „One great city!“ (mit der schönen Zeile „I hate Winnipeg“) und „The Prescience of Dawn“.
Auf einen Song des Albums muss noch gesondert eingegangen werden: „Plea from a cat named Virtute“ ist ein schöner Song, der die Beobachtungen einer Katze (die „Virtute“, nicht etwa „Virtue“, was aber wohl das gleiche, nur auf lateinisch bedeutet, heißt) erzählt, deren Herrchen in Alkohol und Selbstmitleid dahinvegetiert. Sie erzählt, wie das Leben laufen sollte, was er tun könnte, um diesem selbstzerstörerischen Zyklus zu entkommen, und droht/ermuntert am Ende:
All you ever want to do is drink and watch TV
And frankly that thing doesn’t really interest me
I swear I’m going to bite you hard
And taste your tinny blood
If you don’t stop the self-defeating lies
You’ve been repeating since the day you brought me home
I know you’re strong
Auf „Reunion Tour“ wird die Geschichte dann in „Virtute the cat explains her departure“ weitergesponnen. Es geht also offensichtlich nicht gut aus, Virtute lebt auf der Straße und verliert am Ende wunderschön traurig vorgetragen die letzte Bindung an ihr Herrchen: „I can’t remember the sound that you found for me“
Was bleibt? „Reconstruction Site“ und auch „Reunion Tour“ sollten sofort gekauft, alternativ geklaut werden, um das eigene Seelenheil zu sichern. Prost.
*) Schulkosten geschätzt.
Jonas sagte,
30. Sep 2009 um 22:42
Meine bisweilen verdammenswerte Eigenschaft, nicht auf die Texte von Songs zu hören, wird mir wieder vor Augen geführt. Ich gelobe Besserung ebenso wie den Kauf eines der Alben und eine fundierte Schätzung der Schulkosten in Kenia. Alles, nach dem ich mit das Album „Fruit“ von der Band „The Asteroids Galaxy Tour“ angehört habe.