Szene 5
Die Tür zur Kantine wird bei uns unter der Hand auch die „Pforte des Grauens“ genannt. Wer einmal diese Tür durchschritten hat, ist für immer ein anderer Mensch, wer einmal die Dämpfe und Düfte der großen Halle gerochen und geschmeckt hat, fühlt sich danach emotional ausgekocht, moralisch abgehobelt und kognitiv zerraspelt.
Was blieb mir, dem die Bauchdecke ob der in mir schwappenden Magensäure schon zu schmelzen begann, anderes übrig, als die alten Fleischlappen, die wie ein Vorhang an der Decke hafteten und sich bis auf den schmierigen Fußboden fortsetzten, beiseite zu schieben, und einzutauchen in den kulinarischen Wahnsinn, der tief unter der glitzernden Fassade unseres Weltkonzerns wie eine eingewachsene Eiterblase reifte?
Als ich das fleischerne Tor bewältigt hatte, prallte ich mit der Atmosphäre der Kantine zusammen, und holte mir eine böse Beule. Nur sehr selten hatte ich es bislang gewagt, mich hier einzufinden, und wie die wenigen Male vorher, war ich ob der Eindrücke, die auf mich einstürmten, wie gelähmt.
Die Kantine war eine gewaltiger Dom, eine einzige Halle, die gut und gerne die Büffelrestbestände Nordamerikas halten könnte. Und in der Tat schienen nicht wenige dieser edlen Tiere, ihrer Haut neben ihrem Leben beraubt, an ihren Hinterläufen von den hohen Decken zu baumeln, an denen sie mit langen, blutigen Stricken befestigt waren. Schweine, Hühner und Gänse, Antilopen und Strausse taten es ihnen gleich, und gemeinsam hingen sie, manche leicht schwingend, andere sanft hin und her rotierend von oben herab. Aber auch Kraniche, Kaninchen, Tauben und Delphine waren zu finden, und hing in der finsteren Ecke nicht etwas entfernt humanoid aussehendes?
Mein Blick wurde getrübt von einem dicken roten Tropfen, der mir ins Auge fiel. Ich schaute nach oben. Ein Karibu-Kadaver. Ein leichter Regen herrschte in der Kantine immer, und es war die Regel, sie blutverschmiert zu verlassen, was nicht gerade zur Popularität der Einrichtung beitrug.
Meine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt, von einer Dampffontäne, die von der Mitte des Raumes ausging. Kupferne Maschinen waren dort in den Boden eingelassen, riesige dampfausströmende Monstrositäten, die Messer, Quirle, Walzen, Häcksler und Fleischwölfe in ihren Eingeweiden hantieren ließen, in denen in Bottichen Nährwerte zerkocht wurden und in deren Fettseen stundenlang frittierte Klumpen unschuldiger Nahrungsmittel schwammen.
Weiter schweiften meine Augen durch den Raum, sahen die langen, leeren Bänke, die um den Zentralbereich aufgestellt waren, die Tische, die jeweils durch einen abgetrennten Tierkopf in ihrer Mitte verziert waren. Und schließlich sah ich Sie.
Stahlstreben stützten Ihren Thron inmitten des Maschinenparks und hoben ihn hoch in die Mitte des Raumes. Unmengen von Hebeln und Schaltelementen waren außenherum angebracht, die Sie alle dank Ihrer freidrehbaren, aus Elefantenknochen geschnitzten Sitzgelegenheit in Sekundenbruchteilen aktivieren konnte. Sie hatte in dieser Küche den Hut auf, war die Herrin der Töpfe und Pfannen, der Hauptgänge und Nachspeisen, der Esser und der Gegessenen.
Mein Magen brach durch.
Szene 4
Ein Aufschrecken durchfuhr meine Glieder und somit auch mich. Zwei Stockwerke weiter oben würden sich nun die Spritzen mit Nährflüssigkeit an Roboterarmen aus der Decke senken, und Schweinebraten mit Sauerkraut und Kartoffelbrei in die Venen der anwesenden Kollegen drücken. Mein Verdauungsorgan, jahrelang auf den lieblichen Sirenenklang konditioniert begann sogleich Magensäure in erhöhter Menge zu produzieren, um die erwarteten Nährstoffe feinsäuberlich in ihre Bestandteile zu zersetzen. Es brodelte in mir, und es gab nur eine Möglichkeit, die drohende Selbstverdauung abzuwenden: Die Kantine.
Ich hetzte sofort los, meine begonnene Affäre vergessend, ja, jede Erinnerung daran bereits in meinem Magensaft zersetzend, auf den Aufzug zuzustürmen. Ich musste eine Weile stürmen, denn auch in diesem Stockwerk war der Lift unerfreulich weit von meinem Standpunkt entfernt errichtet worden. Es sollte mir aber gelingen ihn nicht nur zu erreichen, sondern gar ihn zu betreten.
Das Betreten dieses speziellen Exemplars eines Aufzugs war nicht allzu einfach. Die verrottenden Leichen der Aufzugputzkolonne erschwerten den Einstieg erheblich. Sie waren bei einer Fahrt aus dem obersten Stockwerk ums Leben gekommen, und niemand fühlte sich verantwortlich, sie wegzuschaffen. Ihr Geruch raubte mir den Atem, aber mir blieb keine Wahl, den nächsten Aufzug würde ich nicht mehr erreichen. Der unterste Knopf der Aufzugskontrollen war mit einem „K“ markiert und einem Totenkopf hinterlegt. „K“ nicht für Kantine oder Keller. Das K stand für Katakomben.
Der Aufzug setzte sich in Bewegung, er fuhr erst langsam, dann schneller, dann ziemlich schnell und schließlich verdammt schnell. Für Fahrten nach unten verwendete unser Aufzugssystem die sogenannte Freifalltechnik, die für die optimale Fahrzeit sorgte. Ein Druck auf einen Etagen-Knopf bewirkte zuerst, dass sich die Aufzugstür schloss, dann, dass sich unterhalb des gewünschten Stockwerkes Stahlträger in den Aufzugsschacht schoben, und schließlich das Ausklinken des Aufzugs aus der Verankerung. Für das Stockwerk K entfiel der mittlere Schritt, da es das unterste mit dem Aufzug erreichbare Stockwerk war. Für Fahrten nach oben wurden die Aufzugskabinen von Mietsklaven gezogen.
Die Ankunft in den Katakomben war erfahrungsgemäß etwas ruppig. Der Aufzug entschleunigte in dem er auf dem Boden aufprallte, was die üblichen unangenehmen Folgen hatte. Da ein derartiger Aufprall leicht tödlich enden konnte, trug ich, wie in der Firma vorgeschrieben, aufprallabfedernde Einlagen in den Schuhen. Die muffelnden Mitpassagiere aber augenscheinlich nicht, denn sie wurden hoch in die Luft geschleudert, prallten auf die Decke und fielen wieder hinab, direkt auf mich.
Ich befreite mich aus Knochen und Knorpeln und spuckte die modrigen Muskelmassen und verwesenden Membranen wieder aus, die sich in meinem vor Entsetzen leider geöffnet gewesenem Mund verfangen hatten, und betrat die Katakomben.
Ein breiter Gang verlief quer zur Aufzugspforte. Knochen und Knorpel waren auch hier omnipräsent. Die Wände bestanden aus übereinandergestapelten Reihen von Schädeln, und waren durchsetzt mit Oberschenkelknochen, so dass ein hübsches Fachwerkmuster entstand. Das „Wir bauen auf Sie“ in den Mitarbeiteransprachen unserer Chefs war in unserer Firma durchaus wörtlich gemeint. Human Resources waren das Fundament unseres Betriebes.
Im gekachelten Boden, der so gar nicht zu den knöchernen Wänden passen wollte, war ein schmaler Kanal eingelassen, der eine träge fließende rote Flüssigkeit transportierte. Dreißig Jahre altes Neonlicht beleuchtete die Szenerie. Ich hatte den Aufzug, aus dem ich getreten war zum ersten Mal verwendet, aber wusste, dass ich einfach den Kanälen folgen musste, um zu meinem Ziel zu gelangen. Ein gellender Todesschrei bestätigte bald meine Richtung. Der Schrei ging in ein Kreischen über, das erst lauter, dann aber doch wieder leiser wurde und schließlich verstummte. Ich musste mehrfach abbiegen, durch Schwingtüren und unter Plastikvorhängen hindurchtreten, bis ich auf eine große Doppeltür traf, über der in blutroten Buchstaben stand: Kantine
Szene 2
Ich arbeitete in einem Großraumbüro mit Millionen anderer Kollegen. Wir hatten alle einen eigenen Schreibtisch und einen eigenen Computer. Nur das Telefon mussten wir uns teilen. Es hängt vorne am Eingang während mein Tisch in der dreiundfünfzigtausendzwohundertsiebten Reihe ziemlich weit hinten stand. Ich brauchte den Großteil des Vormittags, um meinen Arbeitsplatz zu erreichen. Auf meinem Weg dorthin sah ich viel wundersames, aber ich nahm es nicht war, da ich es vorzog, mich von der angenehmen Stumpfheit des Fernsehprogramms hypnotisieren zu lassen, das auf meiner japanischen Armbanduhr angezeigt wurde. Die Anzeige war so klein, und die Technik so schlecht, das nur ein Teil des tatsächlichen Fernsehbildes angezeigt werden konnte, anstatt das Bild zu skalieren. Leider wurde hierfür die rechte obere Ecke gewählt, so dass ich nur das Senderlogo begutachten konnte, das aber auf der Wegstrecke, die ich zurückzulegen hatte, mehrfach die Hintergrundfarbe wechselte.
Wenn ich doch einmal meinen Blick von meiner Uhr lösen konnte, sah ich in die Reihen meiner Kollegen, die alle augenscheinlich kein Problem mit einfahrtsblockierenden Galaxien gehabt hatten. Sie saßen, den Kopf vornübergebeugt an ihren Schreibtischen, in der typischen Pose von Arbeitern, deren Chef nicht zu gegen war. Sie waren hilflos, wussten nicht, was zu tun war, und ließen ihren Tränen der Verzweiflung freien Lauf. Die Schreibtische boten hierfür einen speziellen Tränenkanal an, der dafür sorgte, dass Verträge, Urkunden und Bescheinigungen nicht an der salzigen Flüssigkeit Schaden nehmen. Es kam eine Menge des Drüsensafts zusammen, so viel, dass ich befürchtete, in den nächsten Tagen wieder Hochwassermeldungen im Radio hören zu müssen.
Ich erreichte meinen Platz und überlegte, ob ich in das allgemeine Wehklagen miteinstimmen sollte. Ich verspürte nicht die rechte Lust, und beschloss, stattdessen eine Affäre mit einer der Dame aus der Telefonabteilung anzufangen. Die Telefonabteilung war zwei Stockwerke tiefer, und da der Weg zurück zu den Aufzügen doch sehr erheblich war, schob ich meinen Stuhl beiseite und öffnete die Feuerwehrluke. Feuerwehrluken gab es an jedem Platz in jedem Stockwerk. Sie waren dafür da, dass im Brandfalle eine Legion Feuerwehrmänner an mit Hubschraubern getragenen silbernen Metallstangen tief ins Gebäude, und in ihren feurigen Tod rutschen konnten, wie Feuerwehrmänner das eben zu tun pflegten.
Szene 1
Also ich eines morgens zur Arbeit fahren wollte, blockierte die NGC 3370-Galaxie aus dem Sternbild Löwe meine Einfahrt. Sie musste nachts vom Himmel gefallen sein, und dampfte sich jetzt in den Asphalt vor meiner Garage. Das war sehr ärgerlich, denn ich hatte es eilig, und der Bus den ich alternativ hätte nehmen können, war bereits vor einer viertel Stunde abgefahren. Ich betrachtete die Galaxie ein wenig, und fand sie recht hübsch anzuschauen, wenn sie auch bereits mit dem Asphalt verklumpte. Sie war spiralförmig, wie gute Galaxien das zu sein pflegen und schaffte es irgendwie, sich immer noch um sich selbst zu drehen. Sie flackerte allerdings schon ein wenig, wie eine alte Christbaumkerzenkette.
Ich nahm also das Fahrrad und fuhr zur Arbeit. Ich kam nur zehn Minuten zu spät, weil ich ziemlich gestrampelt hatte und in meiner Trinkflasche, die ich immer an meinem Rad hatte, noch fast einen halben Liter Eigenblut vorfand, den ich auf der Fahrt gierig verzehrte.
Mein Chef, mit dem ich gleich zu Arbeitsbeginn ein Gespräch haben sollte, hatte sich glücklicherweise auch verspätet. Seine informierte Sekretärin meinte, des nachts hätten bulgarische Verbrecherhorden mehrere seiner Chromosomen-Basen-Paare gestohlen, um damit lebendige Hotelbauten zu schaffen, die in der Lage sein sollten, den touristischen Gefahren der Welterwärmung zu trotzen, in dem sie dem sinkenden Meeresspiegel einfach folgen und so eine feste Distanz zum Strand einhalten würden. Ich hielt das für unwahrscheinlich, da der Meeresspiegel ja eher im Steigen begriffen war, wollte aber nicht unhöflich erscheinen und nahm die Erklärung nickend hin. Der Chef wäre erst wieder gegen Mittag da, er verfolgte die Banditen noch mit seinem Tarnkappenbomber.
Nun gut, dachte ich, der Morgen nimmt einen anderen Verlauf als ich erwartet habe, aber ich bin das gewohnt. Am Morgen zuvor hatte ich zum Beispiel erwartet das eine Terrorzelle den Nordflügel unseres Bürogebäudes in die Luft jagen würde. Aber sie kam erst am Mittag.
Ich beschloss, meinen Schreibtisch aufzusuchen.