Sommerbrand

4. Jul 2009 at 22:34 (Artikel für dicke Menschen) (, , , , )

Ein Gaga-Dada-Singsang über die warme Jahreszeit

Flugzeugschwärme
zeichnen am Himmel ihre Bahnen,
Trolleyfahrer
steigen auf zu fernen Zielen,
Luftschlösser
meilenhoch am Firmament,
Funken fliegen
und verglimmen wie der Tag.

Halkyonisch stille Tage – Sommerlaue Nächte

Erdbeerpflücker
schinden ihre Rücken,
Erdbeeresser
schlemmen in Entzücken,
Mauerblümchen
verdorren in der Hitze,
Schattenrisse
kleben an der Wand.

Zehntausend Jahre Sommer – Zehntausend Jahre Sonnenbrand

In den Morgenländern
dämmert schon der Abend,
Sternenleichen
verwesen bunt im Himmelszelt,
Leuchtturmfeuer
brennen an den Horizonten,
Wandersterne
suchen ihren Weg.

Polarlichter tanzen – Das Universum singt

Grillen zirpen
oder doch das Rauschen der Äonen,
Honigkuchenpferde
horchen auf die Zeitenwende,
Schmetterlingsflügel
erzeugen irgendwo Orkane,
Adlerschwingen
vernichten fast die Welt.

Hundert schwarze Schafe – Ein weißer Elefant

Der Leergutmann
durchwühlt die immer gleichen Tonnen,
die Lebensläufe
verstauben ungelesen,
Jet-Set-Töchter
kaufen all die teuren Sachen,
Im Klärschlamm liegend
reinigen Bakterien die Poren.

Atemwege – Pandemische Visionen

Mikroskopische Gebilde
führen winzig kleine Leben,
Menschen aller Orten
sterben unsichtbare Tode,
die inneren Dämonen
schreien immer lauter,
nicht so schlimm,
ich werde immer tauber.

Innehalten – Auseinandergehen

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Gewöhnungssache

13. Mai 2009 at 23:03 (Artikel für dicke Menschen) (, )

Man gewöhnt sich an alles.

An Zigaretten und Alkohol, an kalten Rauch und den schalen Geruch von abgestandenem Bier und schlechten Atem.

Das Aufstehen in aller Frühe wird schon in der Schulzeit gelernt. Vielleicht verlernt man es wieder in der Studienzeit, danach verfolgt es einen aber bis ans Ende. Oder zur Rente. Und ab da kann man nicht mehr anders.

An das Diktat der Arbeit, daran täglich acht Stunden seines Lebens zu verschenken für ein paar Kröten auf dem Konto. Man gewöhnt sich schnell an die paar Kröten auf dem Konto, man gewöhnt sich aber genauso schnell an die roten Zahlen.

Ebenso an das schlechte Fernsehprogramm mit den immer gleichen Mördern in den Krimis, den regelmäßigen Katastrophen in den Nachrichten, den austauschbaren Sternchen in den Soaps, die mit den immer gleichen Problemen kämpfen und den dutzendsten Superstar.

Ans Älterwerden, an die grauen Schläfen und die vielen jungen Leute, die plötzlich überall herumrennen und komische Frisuren auf den Köpfen haben.

Man gewöhnt sich an Leid und Elend in der Welt, an die Bilder hungernder Kinder, aidskranker Mütter und in Kriegen sterbender Väter. Und daran, die Bilder kurz darauf wieder zu verdrängen.

Man gewöhnt sich an die Zeilen großartiger Songs, die einem mal so viel bedeutet haben, und mittlerweile zur Hintergrundberieselung verkommen sind. Wie kann man die Zeile „And death comes so slow“ so einfach überhören?

Man gewöhnt sich an die Dinge, die man kann, und die, die man nicht kann, und daran, es nicht mehr zu versuchen etwas aus Letzterem zu etwas Ersterem zu machen.

An die Einförmigkeit der Tage, das Vorüberziehen des Lebens, das sich immer schneller drehende Karussell der Jahreszeiten.

Man gewöhnt sich daran, ständig „Man müsste…“ oder „Man sollte…“ zu sagen, ohne auf die Idee zu kommen, tatsächlich etwas zu tun.

An die Leere in meinem Kopf und anderswo.

An die Tatsache, dass diese Texte ohne Pointe enden.

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Regentage

28. Mär 2009 at 01:13 (Artikel für dicke Menschen) (, , )

„Diese Dinge passieren“, sagte ich gerade zu meinem Gegenüber, einem ältlichen schrumpeligen Männchen mit einem Archipel von Leberflecken auf dem haarlosen Hautozean seiner oberen Schädelhemisphäre, als ein Ruck durch den Zug ging, der mich nach vorne taumeln ließ. Ich wurde aus meinem Sitz getragen, und glitt wie schwerelos, meinem Bewegungsmoment ausgeliefert, über die Bild-Zeitung auf seinem Schoß hinweg, wo der Finger meines Gegenübers immer noch auf ein Bild eines toten Amok-Läufers zeigte, auf sein einen erschreckten Laut formendes Gesicht hinzu, dass mich eben unvermittelt nach meiner Meinung zu den letzten medial ausgeschlachteten Bluttaten des Abgebildeten gefragt hatte. Einer Raketen-Kapsel gleich, die im Begriff ist, an eine Raumstation anzudocken, doch eine viel zu hohe Geschwindigkeit aufweist, hörte ich schwach die Stimmen synchronisierter Controller aus Houston in meinem Kopf, die „Abbruch, Abbruch“ schrieen, doch es war zu spät, unser Schicksal war besiegelt. Ein kleinwenig zu schnell prallte meine Stirn auf die Nase des alten Herren, knautschte sie tief in sein Gesicht, bis ich endlich zum Stillstand kam und mich langsam, aber bestimmt auf den Rückweg machen konnte.
Ein einzelner Bluttropfen rann aus seinem rechten Nasenloch seine faltige Lippe entlang in seinen Mundwinkel, eine rote Träne, die seinem erstaunten Gesicht eine verletzliche Note gab.
Ich saß wieder in meinem Sitz, und fühlte mich leicht benebelt. „Diese Dinge passieren“, sagte ich.

Mittlerweile hatte ich den Zug gewechselt. Der alte Mann und seine blutige Nase gingen mir noch durch den Kopf, als die Ödnis der Rheinebene mit ihren endlos aneinander gereihten Äckern und Feldern an mir vorbeizog und mein Denken betäubte. Ich hatte mich ungefähr zwanzig Mal bei ihm entschuldigt, und er hatte die Entschuldigung zwanzigmal angenommen, trotzdem war ich froh, als ich zwei Stationen später die Bahn verlassen konnte. Ich saß jetzt allein in einem Abteil, und konnte nur noch mir selbst gefährlich werden.

Wir standen am unspektakulärsten Ort der Welt. Aus wie immer unerfindlichen Gründen hatte der Zug auf der Strecke angehalten. Ein leerer Acker erstreckte sich soweit das Auge schauen konnte, ohne vor Langeweile zu zucken zu beginnen, und wurde von einer namenlosen Ortschaft flankiert, in der wahrscheinlich gesichts- und seelenlose Menschen namenlos wie Schaufensterpuppen ihre Existenz damit verbrachten auf ihr Ende zu warten.
Der Himmel ummalte die trostlose Szene mit einem konturlosen Grau. Dafür hatte Gott die Welt nicht geschaffen.
Ein Tropfen rann die Scheibe hinab. Er ließ sich Zeit, brach unvermittelt nach links oder nach rechts aus, schien fast zu verharren um dann umso schneller den Weg nach unten vorzusetzen. Ich verfolgte ihn bis an sein Ende und fragte mich, wo er wohl her gekommen sein mag, denn trotz all dem Grau am Himmel war das Wetter trocken. Ein weiterer Tropfen folgte und noch einer. Mehr und mehr Wasser rann das Fenster hinunter, doch von Regen war nichts zu sehen.
Vielleicht waren es Tränen, kam mir in den Sinn, doch wer sie weinte, wusste ich nicht. Ich dachte wieder an den alten Mann, und seine blutige Nase. Vielleicht saß er auf dem Dach und weinte immer noch ob der Schmerzen, die ich ihm verursacht hatte. Ich wollte aufstehen, und eine Entschuldigung nach oben schreien, als ich bemerkte, dass es doch nur die Wolken waren, die fast unmerklich Wasser nieselten. Es hätten Tränen sein können, dachte ich, diese Dinge passieren. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke: Nein, das tun sie wohl eher nicht.

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Abendstimmung

23. Mär 2009 at 22:35 (Artikel für dicke Menschen) (, , )

Es war an einem kühlen Frühlingsabend in den Iden eines Frühlingsmonates, vielleicht des Aprils, vielleicht auch nicht, aber das ist auch nicht weiter wichtig, denn das folgende ist gelogen und hat sich nie ereignet.

Dieser letzte Nebensatz klingt mir noch etwas nach beim Schreiben (denn ich diktiere meinen Fingern mit lauter klarer Stimme die Abfolge der Buchstaben, deren korrespondierende und wahrscheinlich bakteriell verseuchte Tasten einzudrücken sind) und nimmt mir etwas den Wind aus den Segeln, will sagen, die Motivation, den Text weiter zu verfassen und auszuformulieren. Wertlose Fiktion gibt es genug auf der Welt, und hier tippe ich, um mehr auf diese Halde zu kippen. Nun denn, so sei es.

Zurück in den (leider fiktiven) Frühlingsabend, an dem ich ebenso fiktiv mit anderen fiktiven Gestalten auf einer fiktiven Dachterrasse stand, ein Gläschen Trendgetränk in meiner Rechten, den Blick abwechselnd auf meine fiktive (und deswegen sehr ansehnliche) Gesprächspartnerin gerichtet, um ihn dann auch wieder auf den grauenden Horizont zu lenken, hauptsächlich um etwas visionär zu wirken, aber auch um das Verblassen der Farben auf den Feldern und Hügeln zu bewundern, das Schlüpfen der Umwelt in den grauen Mantel der Nacht.

Mehrere bekannte Themen wurden angeschnitten, wie es bei Zusammenkünften von Leuten, die sich eigentlich nichts zu sagen haben, so üblich ist: Das Wetter, die Wirtschaftskrise und der Terror, die Dreifaltigkeit der guten Abendunterhaltung.

Auch die Philosophie kam irgendwann ins Spiel, die Existenz Gottes wurde diskutiert. Ich enthielt mich weitgehend der Thematik, lies andere das Für und Wider erörtern, das ich seit Jahren für mich wieder und wieder durchgekaut hatte, und an deren Vertiefung ich derzeit kein Interesse zeigte. Erst beim Konsens wurde ich wieder hellhörig. Man hatte beschlossen, Gott existiere nicht, oder nicht mehr. „Gott ist tot“, zitierte jemand, was von der Runde im Einklang wiederholt wurde, und worauf wir die Gläser anklingen ließen.

In die apokalyptische Stille hinein, die auf das Verhallen unseres Gläserklangs entstand, mischte sich ein tiefes Seufzen, das aus dem Innersten der Erde oder dem Äußersten der Sphären zu kommen schien. Es klang müde, vielleicht etwas enttäuscht oder sogar erleichtert.

Und dann sahen wir in weiter Ferne eine riesige Gestalt lautlos vom monderhellten Himmel stürzen. Sie erfüllte den dunklen Horizont fast zur ganzen Breite, ihre Arme und Beine wogten friedlich im Fallwind, ihr Kopf uns abgewandt. Sie fiel langsam und schweigend fast eine Minute und verschwand für immer hinter den Bergen in der Ferne.

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Technology won’t save us

10. Dez 2008 at 23:28 (Artikel für dicke Menschen) (, , , )

Weihnachtszeit, die Zeit der verschenkten TFT-Bildschirme. Damit das Geschenk nicht zum Flop wird, hier ein paar essentielle Tipps, die die Haltbarkeit eines Monitors deutlich erhöhen.

  • Von zu vielen übereinander gestapelten offenen Fenstern wird abgeraten. Ein Fenster auf der Desktop-Oberfläche ist zwar prinzipiell flach, dennoch können eine große Menge aufeinander gestapelte Fenster von innen an die Bildschirmverglasung drücken und somit Haarrisse im Monitor erzeugen. Besonders gefährlich ist schnelles Minimieren und Wiederherstellen einer großen Zahl von Fenstern, was in seltenen Fällen zur Explosion des Bildschirms führen kann.
  • Ebenso sollten allzu aggressive Bewegung der Maus vermieden werden. Ständige Kollisionen des Mauszeigers an die Bildschirmränder mit hoher Geschwindigkeit strapazieren den Bildschirmrahmen über Gebühr und können zu erheblichen Haltbarkeitseinbußen führen.
  • Qualitativ minderwertige Monitore leiden öfter unter sogenannten „toten Pixeln“. Diese sollten schnellstmöglich behandelt werden, da verrottende Totpixel das umgebende gesunde Pixelgewebe mit Wundbrand anstecken können, worauf diese nach farbenfrohen Kämpfen ebenfalls absterben. Auch hochauflösende Monitore können somit nach wenigen Wochen unbrauchbar sein. Eine einfache Abhilfe stellt das Programm „Paint“ da. Mittels des Pipetten-Werkzeugs muss der tote Pixel aufgesogen werden und kann dann in einer Datei abgespeichert werden, die anschließend über den Papierkorb gelöscht wird.

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How to be dead

6. Dez 2008 at 00:25 (Artikel für dicke Menschen) (, , , )

Als ich am Morgen aufwachte, war ich tot. Da hätte ich mir das Aufwachen auch sparen können, dachte ich mir noch, da öffnete sich schon eine Tür in der Realität, und Gott guckte hindurch. Ich wollte ihm winken, aber die Nervenimpulse, die nötig gewesen wären meine Hand zu bewegen konnte ich nicht mehr erzeugen.

Gott kam trotzdem ins Zimmer. Er war ein Mann, und hatte einen Vollbart, der so lang war wie die Geschichte der Menschheit. Oder der ganzen Schöpfung. Was fast das gleiche war, wenn die Kreationisten recht hatten. Gott stand jedenfalls vor mir, das war ein Punkt für sie. Der Bart war um seinen seltsam konturlosen Leib gewickelt und schien auch als Kleidung zu funktionieren. Gott hat einen rechtsdrehenden Bart, fiel mir auf, da begann er zu sprechen.

„Was für einer bist du denn?“ fragte er.

Die Begrüßung hatte ich mir irgendwie erhabener vorgestellt. Es fehlte das sakrale Etwas in der Frage.

„Ich…“ sagte ich, und war verblüfft, ohne in der Lage zu sein, meinen Mund zu kontrollieren, sprechen zu können, „ich bin Spartakus Schmidt.“

Das war die Wahrheit, das war der Name, auf den die Seele in meinem Leib hörte, als sie noch durch meinen Körper turnte.

„Spartakus Schmidt? Was ist denn das für ein Name?“

Eine berechtigte Frage, und eine, die mir mein ganzes Leben lang gestellt worden war. Meine Eltern hatten den Namen damit begründet, dass ich mit einem Kirk-Douglas-Kinn auf die Welt gekommen war, das sich aber schon wenige Wochen nach meiner Geburt zurückgebildet hatte.

„Aber egal,“ sagte Gott, bevor ich antworten konnte, „interessiert mich sowieso nicht. Mich kümmert dein Name nicht, er hat seine Schuldigkeit getan, und ist nur noch für den Steinmetz interessant, der ihn in den Marmor klopfen muss. Ich will wissen, was für einer du bist!“

„Aber Gott,“ rief ich verwirrt, „ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll.“

Gott lachte. „Ich bin nicht Gott, Spartakus.“ Er schüttelte sich nochmals vor lachen, was seinen Bart hin- und herwogen, und ihn wie eine weiße Würgeschlange aussehen ließ, die ihr Opfer gefunden hatte. „Ich bin nur der Typ hinter der Tür da. Mehr nicht.“

Das erschütterte mich gehörig. Aber dann dachte ich mir, dass Gott bei sieben Milliarden Menschen sicherlich viel zu tun hat, und wahrscheinlich nur mal selber vorbei schauen kann, wenn ein Papst oder so stirbt. Ich schaute die Tür an, durch die weißes Licht in den Raum floss.

„Und was ist hinter der Tür?“ fragte ich.

„Ich. Sagte ich doch. Aber genug der Fragerei. Ich stelle die Fragen. Ich will wissen, was du bist, warum du existierst, was dich auszeichnet.“

Ich wollte gerade auf die Tatsache hinweisen, dass ich tot war und somit bis auf Verwesen in nächster Zeit nichts mehr machen würde, doch er schüttelte den Kopf.

„Du verstehst nicht. Mich interessiert nicht, was sein wird. Mich interessiert nicht, was war, was du beruflich gemacht hast, was du gelernt hast, was deine Rolle in der Gesellschaft war. Mich interessiert nicht, wie du an Geld gekommen bist, für wen du Verantwortung übernommen hast, und an was oder wen du deine Gedanken verschwendet hast. Wenn du all das ausblendest, und dich auf deinen innersten Kern konzentrierst, was bist du?“

Meine Güte, dachte ich. Was soll man darauf antworten. Was bin ich? Ich hatte absolut keine Ahnung.

Ich schüttelte hilflos den Kopf.

Er nickte. „Du wolltest wissen, was hinter Tür ist. Hinter dieser Tür liegt das absolute Glück. Es erscheint dir wie ein Meer aus reinem Weiß, aber das nur deswegen, weil deine Wahrnehmung überfordert ist und soviel Glück nicht aufnehmen kann.

Du bist noch nicht bereit dafür, Spartakus Schmidt. Ich fürchte, du wirst deinen Namen noch länger deinen Mitmenschen erklären müssen. Wenn du dich gefunden, werde ich dich nochmals aufsuchen.“

Damit trat er durch die Tür und schloss sie hinter sich.

Ich blieb zurück, schwer atmend. Ich war wieder eingeklinkt in meinen Körper, und fühlte das Blut durch meine Adern zirkulieren und hinter meiner Stirn pochen. Ich verspürte eine gewisse Erleichterung, aber sie war nur die Sahnehaube auf einem großen Eisbecher Enttäuschung.

Als ich auf die Straße trat, nieselte es leicht. Ich ging ziellos in eine unbestimmte Richtung, und balancierte nach einer Weile aus einer Laune heraus auf den Bordsteinen. Vielleicht bin ich nur das, dachte ich, ein Bordsteinkantenbalancierer.

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I’m not worried at all

29. Nov 2008 at 02:24 (Artikel für dicke Menschen) (, , , , )

Es ist soweit: Endlich wieder Spargelzeit! Die vorwitzigen kleinen Köpfe junger Spargelblumen bohren sich durch den Asphalt der Großstädte, um, wie es aller Kreaturen innigster Wunsch ist, aufzusteigen, und Teil des Himmels zu werden. Zu Tausenden lassen sie die dicken Asphaltplatten der Autobahnen bersten, heben die Bodenkacheln und Kopfsteine auf den Plazas und Foren der Städte an, und durchstechen die kiesbestreuten Wege alter Herrschaften in abgesperrten Privatparks, aber durchaus auch die von Kommunen leidlich gepflegten Pfade öffentlicher Anlagen.

Die Städte und Gemeinden senden jetzt wieder ihre Spargelbrigaden aus, Hundertschaften tapferer Frauen und Männer, die, die Sturmsense im Anschlag, sich der Invasion entgegenstellen und unter den Spargeln unblutige Ernte halten.

Denn es ist bittere Notwendigkeit (aber auch die Aussicht auf schmackhaftes Gemüse auf den Tellern aller magentragenden und spargelschlürfenden Geschöpfe) den Spargel in seinen Anfangsstadien zu köpfen. Das rasante Wachstum der Pflanze sorgt dafür, das unbeaufsichtigt wachsende Asparagen binnen weniger Tage Turmeshöhe erreichen, denen auch unter Einsatz von Motorsägen kaum noch Herr zu werden ist. Es erfordert dann schon den Import mythischer chinesischer Kämpfer und Mönche aus dem tiefen Himalaya, die mittels komplizierter Hieb- und Stichtechniken die Spargelstatik derart zu modifizieren in der Lage sind, dass das Gewächs unter dem eigenen Gewicht zusammenbricht.

Doch in unbewohnten Gegenden kommt es dann und wann vor, dass Spargel auch die Turmesgröße hinter sich lassen, und zu gigantischen Säulen heranwachsen, die sich weit in die Atmosphäre bohren. Oft wird man in den fernen Städten erst dann darauf aufmerksam, wenn sie Mittagssonne eines Tages von einem mächtigen Schatten am Bestrahlen der Glas- und Beton-Fassaden gehindert wird.

Mannigfaltige Gefahren drohen: Kollisionen von Flugzeugen sind noch das kleinste Übel. Wird ein Spargel in sich instabil und bricht an der Basis zusammen, schlägt er tiefe Kerben in die Kontinentalplatten, bringt diese teilweise zum Bersten und erzeugt so auf Jahre hinweg Erdbeben und Vulkanausbrüche. Ein weiteres, noch größeres Problem ist die Möglichkeit der Verschiebung der Erdachse. Irgendwann bringt ein Riesenspargel die Erdachse zum Wanken und Taumeln, bis sie sich schließlich so verschiebt, dass der der Pflanzenturm der Nabel ist, um den sich alles dreht. Kalte Zeiten brechen für die Nation an, die es versäumt hat, dem Wachstum rechtzeitig Einhalt zu gebieten!

Doch die schlimmste Gefahr droht von außerhalb der Erde. Ein mehrere tausend Kilometer langer Spargel wird von weitem gerne für einen Penis gehalten. Für brünftige Kleinplanetinnen wäre das das Zeichen zum forschen Angriff, und wie besinnungslos würden sie auf die arme Erde zustürzen, die sich dem Strudel der lüsternen Planetoiden kaum entziehen werden kann und unter ihrem Bombardement öde und leer verenden würde.

Wir wollen alle hoffen, das uns diese Horrorszenarien erspart bleiben werden, oder erst dann eintreten, wenn wir schon wohlbehalten verrottet sind und künftige Generationen den Salat haben.

Stattdessen sollten wir uns alle den Latz vor den Bauch spannen und selbigen mit Spargelleichen füllen, zum Wohle unserer Mägen und dem der ganzen Menschheit. Guten Appetit.

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Fruit Fly

25. Nov 2008 at 00:01 (Artikel für dicke Menschen) (, , , )

Ich bin kein Märchenprinz. Ich gebe nicht einmal einen sonderlich guten Frosch ab. Das liegt an meiner schwachen Backenmuskulatur.

Ich sehe mich eher als ein fast ausgebranntes Glühwürmchen. Etwas glimmt da hinten noch, aber viel ist das nicht. Und es sind nicht die Reste einer radioaktiven Blähung. Ich bilde mir ein, es hätte mal heller geleuchtet, aber meine Erinnerungen lügen wahrscheinlich, wie so oft.

Ich glühwurme einfach so herum, vergeblich auf der Suche nach einer Ersatzbirne. Und werde wahrscheinlich irgendwann von Fröschen gefressen, und glimme dann in ihren Mägen langsam aus. Irgendwie traurig.

Sogar in meinen Träumen komme ich nicht gut weg. Sieht man mal von den vollkommen wirren Phantasie-Gespinsten ab, die ich an dieser Stelle ab und an schildere. Normalerweise bewege ich mich in meinen Träumen in Zeitlupe durch die Welt. Es fühlt sich an, als ob ich bis zum Hals in Wasser stünde, und eine starke Strömung mich fast an der Stelle hält. Nur mit äußerster Anstrengung kämpfe ich mich Stück für Stück vorwärts. Wohin ich eigentlich will bekomme ich nicht mit, denn ich bewege mich so unendlich langsam, das ich schon wieder aufgewacht bin, bevor ich nur einen geträumten Meter weitergekommen bin.

Manchmal sehe ich mich in meinen Träumen auch als Superheld. Also nur als so ein kleiner Superheld in einer Supertruppe Superhelden. Wir retten ständig die Welt, weil so wahnsinnig viele Superhelden auch irrsinnig viele Superbösewichte bedingen. Das sind oft auch nur traurige Gestalten, wie “Die rote Majo”, die alle Majonaise-Vorräte einer MacDonalds-Filiale in Ketchup verwandeln kann. Ein typischer Klasse C Bösewicht.

Ich selber erträume mich leider nicht viel besser. Mein Super-Alter-Ego heißt “Emo Boy”, eine in kiloweise schwarze Umhänge gepackte Gestalt, deren Superkraft darin besteht, allen so lange ins Ohr zu heulen, bis keinen Bock mehr haben, zu machen, was auch immer sie machen wollten, oder so lange “The Cure”-Songs schlecht nachzusingen, bis die umgebenen Trommelfelle Selbstmord begehen. Deswegen werde ich auch meistens in der Superzentrale zurückgelassen, wo ich dann eigentlich nur Super-”Tic Tac Toe” gegen den Supercomputer spiele, und meistens gewinne, weil auch der Supercomputer mein Supergeheule nicht hören mag. Frustrierend.

Ich tagträume dann auch in meinen Träumen, und versuche zu ergründen, was dem Mann aus Stahl wohl nachts so durch die Gedanken fleucht. Wahrscheinlich auch nur feuchte Träume von Lois Lane oder Wonderwoman. Superenttäuschend, aber Superman ist halt auch nur so ein flacher Typ wie wir alle.

Oder ich gucke mit dem Superteleskop zu, wie „Lightning Rod“, der Boss unserer Superhelden-Zelle, gerade irgendwelche Mitläufer mit den Blitzstahlen, die aus seinem Penis schließen grillt. Albern, aber effektiv.

Kein Wunder, dass ich mich nach einer durchträumten Nacht nicht wirklich fit für den Tag fühle. Ich schätze ich sollte mehr Baldrian schlucken.

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Transfatty Acid

19. Nov 2008 at 00:06 (Artikel für dicke Menschen) (, , , , )

Das Folgende geschah zu später Stunde an einem Tag spät im Jahr in einer ungewöhnlich verspäteten Bahn: Jugendliche Alkoholiker, die nach getaner Suchtbefriedigung auf dem Weg nach Hause oder dem, was sie in ihren vernebelten Hirnen für den Heimweg hielten, waren, verzierten die Straßenbahn mit Zwischenprodukten ihrer Verdauungstrakte. Ein alles in allem übliches Vorkommnis in urbanen Gegenden.

Die Bahn war die letzte ihrer Art für den schon abgelaufenen Tag, die nächste würde erst viele Stunden in der ungewissen Zukunft abfahren. So blieb den Mitreisenden, die dem Alkohol nicht zugesprochen hatten nichts anderes, als auf den Sitzen zu verharren, die Füße über die sich ausbreitenden bräunlichen Seenlandschaften zu halten und sich glücklich zu schätzen, wenn man gerade unter einem kräftigen Schnupfen litt.

Die Fahrt war eine lange, denn das Land ist groß und seine Menschen haben sich in den Kopf gesetzt, an weit auseinander liegenden Flecken zu leben. Die Produktion an Körpersäften  hielt unvermindert an, denn die Jugend hatte große Mengen an Hochprozentigem in ihren coolen Parkas gebunkert, die besonders beschissen zu ihren Haarmähnen passten, die wie Bausünden aus den 60ern und 70ern weithin Stirnrunzeln auslösten, und auf denen Baseball-Kappen nur lagen, weil es sich als unmöglich erwiesen hätte sie wieder zu entfernen, hätten sie sie vorschriftsmäßig auf ihre Köpfe gedrückt, da sie dann in dem Haar und Gel-Morast für immer verbacken gewesen wären.

Wir durchfuhren ein wenig beleuchtetes Gebiet, ein von der Natur zurückerkämpftes oder vom Menschen als zu irrelevant empfundenes Areal, ein Loch in der Zivilisation, als es passierte: Es ruckte, es funkte, ein Kreischen von Metall auf Metall war zu hören, dann standen wir. Das Meer an Körperlichkeit, dass durch den Innenraum der Bahn schwappte, und sie an ein leckes Unterseeboot erinnern ließ, hatte den kompletten Unterbau des Fahrzeugs weggefressen.

Das hatte zumindest den Vorteil, dass die Schweinerei langsam aber sicher in dem nun ersichtlich werdenden Kiesbett versickerte. Irritation herrschte, zog sich wie eine tiefhängende Wolkenfront durch den Wagen und versperrte klugen Gedanken die Sicht. Um Abhilfe zu schaffen, zog ich an einem Notausstieg-Hämmerchen, um mich ans Demolieren der Inneneinrichtung des Fahrzeugs zu machen. Das schien mir zu diesem Zeitpunkt eine gute Idee. Sie scheiterte allein daran, dass ich nicht in der Lage war, die Sicherung des Hämmerchens zu entfernen, so dass man mich beim wild Auf- und Abhüpfen, Zerren und Zetern hätte beobachten können, wären die besagten Wolken nicht gewesen. Ich trat die Tür also einfach so ein, und trat ins Freie.

Da standen wir nun, wir Spätheimkehrer, denen der Akt des Spätheimkehrens verwehrt wurde, im Freien vor einer Fahrzeugruine. Es war die Kälte, die uns erzittern ließ, doch auch die Schreie der Antilopen, das Jaulen der Nilpferde und das irre Gackern der Zikaden trugen ihren Teil bei. Kein Licht erhellte unsere Umgebung und wir stellten uns tödliche Abhänge, unergründliche Sümpfe und weiche Landschaften aus Daunenkissen vor, die sich unbemerkt um uns erstreckten. Niemand traute sich, den ersten Schritt zu tun, aus Angst, seine Daunenallergie könnte ausbrechen.

Schließlich kamen wir auf die rettende Idee, einen Alkoholiker anzuzünden. Die gelgetränkten Haare brannten wie Zunder, und verbreiteten einen angenehmen Karamellgeruch, so dass wir gleich noch einen weiteren entflammten. Mit ihnen als Vorhut kämpften wir uns durch die Unwirtlichkeiten, die uns die Natur zu dieser nachtschlafenden Zeit entgegenwarf. Wir kamen vorbei an großen Bäumen, an kleinen Bäumen und an eher mittelgroßen Bäumen. Endlich, unser letzter Alkoholiker war fast schon niedergebrannt sahen wir sie dann, die rettenden Lichter der Zivilisation. Glücklich, auch diese Episode in unseren belanglosen Leben überlebt zu haben, bestellten wir ein Taxi und fuhren nach Hause.

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In The Cold I’m Standing

16. Nov 2008 at 03:20 (Artikel für dicke Menschen) (, , , )

Meine Hose lief mir eines Morgens davon. Warum sie das tat ist mir unbegreiflich, habe ich sie meines Wissens doch immer sorgsam behandelt, sie nie zu heiß gewaschen, und durch meinen kaum vorhandenen Bauch auch nicht zu sehr beansprucht. Vielleicht fühlte sie sich zu eng umgürtet, vielleicht zwickte sie mein Schlüsselbund, oder mein mittelformatiger Geldbeutel drückte an ihren Bünden, die die Nervenfäden einer jeden Hose sind.

Es ist mir nun nicht mehr möglich den Grund zu ermitteln, denn sie ist fort, wahrscheinlich für alle Zeit. Schöne Tage haben wir miteinander verbracht, breitbeinig durchschritten wir die Straßen der Stadt, saßen an warmen Sommerabenden auf schattigem Gemäuer und genossen die sanften Luftbewegungen, die uns streichelten, hetzten durch Regenschauer und übersprangen Pfützen in der irrigen Annahme, unsere Eile würde die Menge an Feuchtigkeit mindern, die wir aufzunehmen hatten. Wir trotzten den Stürmen des Herbstes, dessen unerschöpflicher Atem den Sommer und fast auch uns aus dem Land blies, und wir zitterten und wanden uns in den eisigen Klauen des lebenskraftstehlenden Frosts, der, dem Lauf der Welt gehorchend, folgte.

Schamvoll gehe ich dieser Tage durch mein Leben, meine Blöße ist nur allzu offenbar, und auch der Mantel, den ich trage, vermag sie nicht gänzlich zu verbergen. Ich spiele mit dem Gedanken einer Neuanschaffung, doch ein derartiger Schritt will wohl überlegt sein. Es würde die endgültige Trennung von meinem bis vor kurzem so treu ergebenen Beinkleide sein, ein Ereignis, das ich tief in mir immer noch zu verhindern hoffe.

Eines weiteren Morgens finde ich mich auf einem Feld, das vor kurzem noch mit modrigem Mais bestanden war, dessen zerhackte und abgestorbene Überreste einem Massaker gleich kreuz und quer über die Furchen verteilt liegen. Die pflanzlichen Leichenteile lassen mich erzittern, doch möglicherweise ist es auch nur der Nordwind, der in meine unbedeckten Waden beißt. Ein Zug braust auf den nahen Gleisen heran, pfeifend und rumpelnd balanciert er auf dem Damm der die Felder durchschneidet. Dann, nur einen kurzen Augenblick lang, erblicke ich sie. Meine Hose, zurückgelehnt in einem erstklassigen Abteil! Sie blättert in einer Zeitschrift und würdigt mich keinen Blickes. Ich ringe noch um eine klare Linie in meiner Gefühlswelt, da werde ich der anderen Abteile und ihrer Insassen gewahr. Hosen, Hosen und nochmals Hosen. In Blau, in Schwarz und in Grau sitzen sie da, und in hundert anderen Farben. Sie unterhalten sich, hören Musik oder lassen sich im Bordrestaurant das Geld aus den Taschen ziehen und reisen nach Süden. Schon ist der Zug vorbei, die roten Schlusslichter verschwinden bald im trüben Tag.

Auf meinem Weg nach Hause entdecke ich andere zitternde Schenkel um mich, die ich, auf Grund meiner eigenen Scham, bislang nicht bemerkt hatte. Ich bin nicht der einzige, den die große Migration der Hosen in den Süden unerwartet getroffen hat. Hoffen wir, das unsere Hemden und Jacken, unsere Pullover und Mäntel uns treu bleiben, denn es wird ein kalter langer Winter.

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