Von der Bedeutung der Dinge: Die Nase
Die mächtigen Schwingen, die manch einer inmitten seines Gesichtsfladens trägt, die Nasenflügel, bremsen den freien Fall aus Flugzeugen meist nur unwesentlich. Kein Wunder, denn die Befiederung ist aus evolutionären Gründen stark rückläufig. Nur selten begegnet man noch Menschen mit einem stolzen Federkamm, der sich über die ganze Länge des Nasenrückens erstreckt. Das ist sehr schade, da ein gepflegtes Federkleid sich durchaus modisch ins Gesamtbild der Erscheinung einfügen kann. Zudem wird der Menschheit die Partnersuche sehr erschwert. Würden paarungswillige Weibchen weiterhin an ihrem roten Balz-Deckfedern an der Nasenspitze erkenntlich sein, sähe die Bevölkerungsentwicklung hierzulande sicherlich anders aus. Männliche Artgenossen können sich hingegen glücklich schätzen, dass die bis zu zwei Meter lange Schmuckfeder, die einstmals aus der Nasenoberseite entsprang und senkrecht aus dem Gesicht ragte, sich weitgehend zurückentwickelt hat. Die Zurschaustellung der Männlichkeit muss zwar nun auf anderem Wege erfolgen, doch sind sind die Vorteile, z.B. bei der Bildschirmarbeit nicht wegzudiskutieren.
Die Nasenflügel sind bei den meisten Menschen am Nasenrücken befestigt. Nur selten finden sie sich am Nasenbauch. Der Nasenrücken ragt, einer mächtigen Gebirgskette gleich, aus dem umgebenden Backen- und Wangenflachland, und ist wegen seiner oft nicht unerheblichen Höhe meist ganzjährig vereist. Nur die erfahrensten Sherpas unter den Gesichtsbewohnern (meist Bakterien) trauen sich den Aufstieg zu, und nur die Legenden unter ihnen wagen es, die Nasenspitze zu erklimmen. Das Gelingen dieses Unterfangens lässt sich mit geschultem Auge durch das Vorhandensein eines winzigen Gipfelkreuzes an der ausladensten Stelle der Nase nachvollziehen. Die Heldengesänge der ungebildeten Bakterienmassen für aus diesen luftigen Höhen Zurückkehrenden halten oft für Generationen an. Zum Glück singen Bakterien sehr leise.
Eines der größten Mysterien der menschlichen Physiognomie ist meist gut im Schatten der einsamen Nasenspitze versteckt: Die Löcher. Zwei sind es im Normalfall an der Zahl, oft handelt es sich um kaum sichtbare Einstiege ins Naseninnere, ebenso oft handelt es sich um faustgroße Krater und Schlünde, die dem Interessierten Einblick in die individuelle Innenwelt verschaffen. Doch welche Bedeutung kommt den Löchern zu, außer der Absonderung von Sekreten? Ist etwas dran an der Behauptung, dass Taschentuchkonzerne erst in den letzten Jahrzehnten durch genetische Manipulation von Frühstücksflocken, die Bildung der Nasenöffnungen initiiert haben? Gleiches wird gerne auch kolumbianischen Drogenkartellen in die Schuhe geschoben, aber die moderne Wissenschaft hat an den Tag gebracht, dass in der Tat auch schon der Frühmensch die Nasenpforten besaß. Und auch der Grund für ihre Existenz wurde zufriedenstellend beantwortet: Sie dienen dazu, die Zeigefinger ins Gesicht einzuhaken, damit die Arme beim Durch-die-Gegend-laufen nicht so wild an den Seiten herumbaumeln.
Ich möchte mich abschließend für die weitgehende Entmystifizierung des edelsten unserer Körperteile entschuldigen, und hoffe, das die präsentierten harten Fakten nicht die ganze Magie, die uns beim Anblick eines lieben Menschen durchdringt, entschwinden lässt.
Von der Bedeutung der Dinge – Der November
Der November ist der älteste aller Monate. Vor vielen tausend Jahren, als die Jahre selber noch jung waren, bestand das Jahr nur aus dem November. Alle Menschen, die damals geboren wurden, wurden im November geboren, und waren vom Sternzeichen Skorpion oder Schütze. Das war nicht so schlimm, denn es gab noch nicht so viele Menschen, so dass man nicht zu oft Geburtstagsgeschenke machen musste. Zudem schenkte man sich vor vielen tausend Jahren sowieso nur Steine zum Geburtstag, denn es gab nichts anderes. Wenn die Menschen zu dieser lang vergessenen Zeit sehr vorsichtig waren, und nicht von Geburtstagsgeschenkelawinen begraben wurden, konnten sie bis zu tausend Jahre alt werden.
Aber es kam, wie es kommen musste: Es gab Leute, die gerne schenkten, und Leute, die gerne darauf verzichteten, und so wurden große Massen von Steinen von ersteren zu letzteren verschoben, so viele, dass es der Erde selbst bei ihren täglichen Pirouetten ganz schlecht wurde, und sie sich zur Seite neigte, um in den Weltraum zu bröckeln. Das klappte natürlich nicht, denn sie hatte ihre Anziehungskraft vergessen und so entstanden ein paar hingekotzte Inseln, wie z.B. Rügen.
Eine weitere Auswirkung war, dass die Erdachse nun anders geneigt war. „Irre,“ sagten die frühen Menschen, als der Schatten der Erdachse ihr verfilztes Haar verdunkelte, „irre.“ Und zum ersten Mal begannen die Blümchen zu blühen. Den Menschen war das unheimlich, und sie warfen Steine auf jede Blume, die sie sahen.
Das gab natürlich böses Blut, denn die meisten Steine auf der Welt waren irgendjemandem geschenkt worden, der nicht wollte, dass man sie zum Blumenbewerfen verwendete, weil er nicht gewillt war, die Qualitätseinbußen am Gestein hinzunehmen, die mit dem Kontakt mit Blümchen möglich schienen. So begann in einem November vor langer Zeit das große Zetern.
Menschen fuchtelten mit ihren Fäusten vor den Gesichtern anderer Menschen, oder ihrem eigenen, was damals noch nicht als Zeichen der Demenz galt. Sie stahlen einander Steine und versteckten sie unter anderen Steinen, so das ein Jammern das Zetern ergänzte. Besonders fiese Gesellen warfen die Lieblingssteine ihrer Mitmenschen in eines der großen Blumenfelder, die fast unaufhaltsam immer größere Landstriche bedeckten.
Das Heulen und Fluchen unserer Vorfahren war so laut, das der November es nicht mehr aushielt und eines Tages tot vom Himmel fiel. Die Menschen schauten sich mit einem Gesichtsausdruck an, der „Meine Fresse“ sagen zu schien, es aber nicht tat, weil die entsprechenden Worte noch nicht erfunden waren. Stattdessen sagten sie immerfort: „Irre, irre“.
Was sie aber vollkommen aus der Bahn warf, war die Tatsache, dass aus dem toten November ein kleines Kügelchen hervorkullerte, sich langsam entfaltete, und pulsierend begann, sich zu vergrößern. Es war der Juli, der zweite Monat, der jemals ins Sein befördert war, und er begann, den Platz des alten Novembers einzunehmen.
Die Menschen waren außer sich. Sie wälzten sich in ihren Steingeschenken, weil ihnen das als Ausdruck absoluten Außersichseins vorkam, und krähten weiterhin, wie „irre“ alles sei. Irgendwann, es dauerte nicht lange, warf jemand, der so total außer sich war, das Umherwälzen nicht mehr ausreichte, einen Stein in die Luft. Der Stein verharrte eine Weile am Scheitelpunkt seiner Reise, worauf schon allerlei Bekannte dem Jemand zu seiner neuen Erfindung gratulieren wollten, entschied sich dann aber doch für die Rückreise und zerschmetterte dem Werfer den Schädel.
Während seines Ausfluges hatte der Stein aber auch den Juli am Kopf getroffen, so das dieser besinnungslos zu Boden sank. Die Gelegenheit nutzend entsprangen alle anderen Monate seinem Leib, bis auf den November, der ja schon tot war und den Februar, der erst später von den Chinesen billig aus den anderen Monaten zusammenkopiert worden war.
Und so entstand irgendwie der Jahreskreis, der Oktober nagelte den toten November an das Firmament, wenn er keinen Bock mehr hatte, und der Dezember nahm ihn wieder ab.
Von der Bedeutung der Dinge – Die Steppe
Eine Steppe existiert an Stellen der Erde, die immer noch pubertieren. Es wächst zwar was, aber noch nicht so richtig. Und was da wächst, ist an Langeweile kaum zu übertreffen: Langweiliges Gras, langweilige Sträucher und langweilige Antilopen. Ein ständiges Gähnen ist über der Steppe zu hören, das nur ab und an von einem Knall unterbrochen wird, wenn Lopen und Antilopen kollidieren.
Zu den Bewohnern der Steppe gehören das Bison, die Frau des Bisons und ihr Bisöhnchen Oskar, der Schrecken der Karawanenwege. Auch der Tobinambur lebt hier und interessiert keinen, bisweilen werden auch Herden von Offroad-Jeeps gesichtet, die friedlich Kilometer fressen.
Wege durch die Steppe gibt es so viele wie Schwarzerdekrumen, die vom Wind an ferne Orte getragen werden, die enttäuschenderweise immer noch steppig sind. Manche Wege gehen links an einem Hügel vorbei, manche rechts und manche gehen oben drüber. Nur mittendurch gibt’s nicht, da macht die Steppe nicht mit.
Steppen sind oft überlaufen von Einsiedlern, die man an den großen Häusern auf ihren Rücken erkennt. Sie reden nur sehr wenig, meist deswegen, weil eine tragende Wand des Badezimmers auf ihren Kiefern ruht.
Interessanterweise ist Steppen in Steppen nicht gerade hip. Würde ganz Irland in einer Steppe riverdancen, und würde die ganze Slowakei zuschauen, so würde man nur slowakisches Gähnen vernehmen. Allerdings muss zugefügt werden, dass das Ergebnis in Sumpflandschaften, Wattgebieten und Bettenlagern identisch wäre.
Bestünde eine Steppe aus Schokoraspeln, würde einem schnell schlecht werden, vor allem wenn man feststellen muss, dass die großen Raspel aus Antilopenhintern stammen. Bestünde eine Steppe hingegen aus grünen Leuchtdioden, wäre sie bald vom Leuchtdiodentagebau verwüstet, und wäre nicht mehr so unglaublich langweilig.
Merke: Suchst du Spannung in der Steppe, such woanders, blöder Deppe.
Von der Bedeutung der Dinge – Die Heliopause
Die Heliopause ist zum einen die Grenze der Heliosphäre zum interstellaren Raum, zum anderen ein weiterer willkommener Anlass, einen wenig fundierten Artikel über Dinge zu schreiben, von denen ich eigentlich keine Ahnung habe.
Die Heliopause wurde im Jahre 1959 von den Fast-Mitgliedern der Beatles, Bo der Irokese, Dickie und Jimmy Pythagoras nach einer durchzechten Nacht aus in Alkoholnebeln vergessenen Gründen gegründet.
Dickie schrieb in seiner Biographie dazu: „Jimmy P. und Bo der I. saßen mit mir im Pub und wir haben wahnsinnig viel gesoffen. Wir mussten danach soviel schiffen, dass es in den gesamten Nordseeanrainerstaaten zu Überflutungen kam. Fünfhundert Menschen wurden von den Deichen gespült, und all das nur, weil Jimmy so viel in seinen rechten Winkel kippen konnte.“
Die Sonde Voyager 2 konnte Dickies Bericht in großen Teilen bestätigen, als sie vor einigen Jahren mit einem wahnsinnigen Durst die Heliopause passiert hatte. Sie schrieb folgendes in ihr rosa NASA-Tagebuch: „Habe heute die Heliopause passiert. Wünschte ich könnte so viel wegkippen wie Jimmy P. Aber ohne Voyager 1 macht das Saufen auch nur noch halb so viel Spaß. Prost und Herzchen.“
Generische NASA-Wissenschaftler, die diesbezüglich um Stellungnahme gebeten wurden, nahmen Stellung. Der US-Kongress bewilligte der NASA daraufhin weitere 50 Milliarden Dollar, die die Alkoholversorgung der exasolaren Raumsonden für die nächsten zehn Jahre sicherstellen soll.
Von der Bedeutung der Dinge – Das Schaf
Beim Schaf ist alles am rechten Platz. Nur das ‘S’ ist eher links. Wäre es rechts, hieße das Tier auch Chafs, was fast so viel wie „häckselt“ in Englisch bedeuten würde. Gehäckselte Schafe sind unschöne Artefakte auf leicht ansteigenden Weideflächen. Auch auf fallenden Sommerwiesen oder flachen Asphalt wirkt derartiges wenig modisch. Aus diesem Grund wird auch der Fleischwolf dem Häcksler bevorzugt.
Schafe sind nahe Verwandte des Menschen, denn er ist die einzige Kreatur auf unserer göttlich besamten Welt, die noch dümmer schauen kann als das Schaf. Dafür hat das Schaf vier Mägen, was uns als selbsternannte Krone der Schöpfung durchaus mal ins Grübeln bringen darf. Hätte der Mensch vier Mägen, würden sich die Lebensmittelkonzerne freuen. Zumindest dann, wenn wir auch vier Münder besäßen, zur individuellen Fütterung jeden Magens. So könnten sich unsere Mägen spezialisieren, einer auf Pflanzliches, einer auf Tierisches, einer auf Süßigkeiten, und einer auf die Sachen, die man aus Versehen runterschluckt, wie z.B. Spannbettlaken, Kreditkarten oder Zyankalikapseln.
Schafe spezialisieren sich auf pflanzliche Nahrung, verschmähen aber den okasionalen Seegurken-Bizeps auch nicht, was wahrscheinlich auf den verwirrenden Namen zu schieben ist.
Schiebt man den Namen eines Schafes, fällt er vom Tisch, und zerbricht in seine Bestandteile, zumindest dann, wenn er auf einem Halsband um das benannte Schaf angebracht ist, und dieses sich über die Kante stoßen lässt.
Schafe auf Tische zu stellen ist eine alte Tradition. Und auch eine sehr dumme Tradition.
Oft balancieren Schafe auf Kanten, was für sie ein Spiegelbild zum Leben an sich darstellen soll. Gibt es keine Kanten, so balancieren sie auf Wiesen, was wenig spektakulär aussieht. Manche balancieren auch auf Weiden, wenn sie denn den Stamm bewältigen. Die meisten bewältigen ihn nicht, und sterben.
Gestorbene Schafe werden zu Wolken am Himmel. Wenn sie gnädig sind, lassen sie ihre Magensäfte herabregnen, und wir alle werden nass. Verrückt, diese Schafe.